Die brasilianische Nationalmannschaft schlägt nach dem frühen Scheitern an der Weltmeisterschaft ein neues Kapitel auf. Nationaltrainer Carlo Ancelotti präsentierte am Mittwochnachmittag, 9. September, ein 26-köpfiges Aufgebot für die bevorstehenden Testspiele gegen Australien und Indien. Die Begegnungen Ende September und Anfang Oktober sollen den Beginn eines behutsamen, aber deutlich erkennbaren Generationswechsels markieren.

Bei der ersten Nominierung nach der 1:2-Niederlage gegen Norwegen im WM-Achtelfinal setzt Ancelotti verstärkt auf jüngere Spieler, die in den kommenden Jahren zu tragenden Kräften der Seleção heranreifen könnten. Gleich sieben Akteure stehen erstmals im Aufgebot der brasilianischen A-Nationalmannschaft: Mauro Júnior von der PSV Eindhoven, Gabriel Bontempo vom FC Santos, Jair von Nottingham Forest, Vitor Reis von Manchester City, Samuel Lino von Flamengo sowie die Torhüter Morisco vom Coritiba FC und Otávio von Cruzeiro.
Die Auswahl ist dennoch kein vollständiger Neuanfang. Mehrere Spieler, die bereits an der Weltmeisterschaft zum brasilianischen Kader gehörten, bleiben Teil der Mannschaft. Sie sollen mit ihrer Erfahrung, ihrer Professionalität und ihrer Kenntnis des internationalen Spitzenfussballs dazu beitragen, den Übergang zur nächsten Generation zu erleichtern.
Ancelotti bezeichnete sein Aufgebot als ausgewogene Mischung aus bewährten Kräften und Spielern mit Entwicklungspotenzial. Im Mittelpunkt stehe nicht allein die unmittelbare sportliche Leistung. Entscheidend sei auch die Frage, welche Akteure perspektivisch für die Copa América 2028 und die Weltmeisterschaft 2030 infrage kommen.
Der Trainer richtet seinen Blick dabei verstärkt auf den brasilianischen Vereinsfussball. Mit Artur Dias, Matheuszinho, Breno Bidon, Danilo Santos, Gabriel Bontempo, Pedro und Samuel Lino wurden mehrere Spieler berücksichtigt, die in Brasilien unter Vertrag stehen. Ihre Berufung unterstreicht, dass sich die Suche nach der künftigen Stammelf nicht auf die grossen europäischen Ligen beschränkt.
Die drei bevorstehenden Begegnungen dienen Ancelotti vor allem als sportliches Beobachtungsfeld. Am 25. September trifft Brasilien im Queensland Country Bank Stadium in Townsville auf Australien. Vier Tage später stehen sich beide Nationalmannschaften im Suncorp Stadium von Brisbane erneut gegenüber. Anschliessend reist die Seleção nach Indien weiter. Dort kommt es am 3. Oktober im Salt Lake Stadium von Kalkutta zum ersten Länderspiel zwischen Brasilien und der indischen Nationalmannschaft.
Die Reise bietet dem Trainerstab die Möglichkeit, unterschiedliche Formationen, personelle Kombinationen und taktische Abläufe unter Wettkampfbedingungen zu prüfen. Zugleich erhalten die Neulinge die Chance, sich in einem ungewohnten Umfeld zu beweisen. Besonders aufschlussreich dürfte sein, wie schnell sie sich an das Tempo und die Anforderungen der Nationalmannschaft anpassen können.
Ancelotti machte deutlich, dass die aktuelle Auswahl keineswegs als Vorentscheidung über die kommenden Turnierkader zu verstehen ist. Spieler, die diesmal nicht berücksichtigt wurden, bleiben weiterhin Teil der Planungen. Die Tür zur Seleção sei nicht geschlossen. Form, Fitness, taktische Eignung und die Entwicklung in den Vereinen würden darüber entscheiden, wer bei der Copa América und später bei der Weltmeisterschaft tatsächlich zum Aufgebot gehört.
Das überraschende WM-Aus gegen Norwegen hat innerhalb der Seleção deutliche Spuren hinterlassen. Ancelotti räumte ein, von der Niederlage im Achtelfinal enttäuscht worden zu sein. Gleichzeitig betrachtet er den Rückschlag als Ausgangspunkt für einen neuen Zyklus. Anders als unmittelbar vor einem grossen Turnier verfügt der Trainer nun über genügend Zeit, Spieler eingehend zu beurteilen und grundlegende Entscheidungen ohne übermässigen Zeitdruck zu treffen.
In der Abwehr und im Angriff sieht Ancelotti Brasilien bereits vergleichsweise gut aufgestellt. Mit Gabriel Magalhães, Marquinhos und Vitor Reis stehen Innenverteidiger unterschiedlicher Generationen bereit. Auf den offensiven Positionen besitzt die Seleção mit Vinicius Junior, Raphinha, Endrick, Estêvão, João Pedro, Pedro, Rayan und Samuel Lino zahlreiche technisch starke und vielseitig einsetzbare Spieler.
Die grösste Baustelle erkennt der Nationaltrainer dagegen im Mittelfeld. Dort fehlt es aus seiner Sicht noch an Breite und an klar definierten Rollen. Die Suche nach den passenden Mittelfeldspielern könnte deshalb nicht nur die künftige Besetzung, sondern auch das gesamte Spielmodell der Seleção bestimmen.
Mit Bruno Guimarães und Douglas Luiz stehen zwei erfahrene Kräfte im Kader. Daneben erhalten Andrey Santos, Breno Bidon, Danilo Santos und Gabriel Bontempo Gelegenheit, sich für langfristige Aufgaben zu empfehlen. Entscheidend wird sein, wer dem brasilianischen Spiel sowohl Stabilität als auch Kreativität verleihen kann. Gesucht werden Akteure, die gegnerischem Druck standhalten, das Tempo kontrollieren und die Verbindung zwischen Defensive und Angriff herstellen.
Die Testspiele in Australien und Indien sind damit weit mehr als gewöhnliche Freundschaftspartien. Sie bilden den ersten Schritt einer Aufbauarbeit, die bis zur Copa América 2028 und zur Weltmeisterschaft 2030 führen soll. Nach der grossen Enttäuschung an der WM beginnt für Brasilien eine Phase der Erneuerung. Junge Talente erhalten ihre Gelegenheit, erfahrene Führungsspieler sollen Orientierung geben, und der Trainerstab bekommt Zeit, aus beiden Gruppen eine neue Seleção zu formen.
Das brasilianische Aufgebot
Torhüter
Hugo Souza (Corinthians), Morisco (Coritiba), Otávio (Cruzeiro)
Verteidiger
Artur Dias (Athletico-PR), Douglas Santos (Zenit St. Petersburg), Gabriel Magalhães (Arsenal), Jair (Nottingham Forest), Marquinhos (Paris Saint-Germain), Matheuszinho (Corinthians), Mauro Júnior (PSV Eindhoven), Vitor Reis (Manchester City), Wesley (AS Rom)
Mittelfeldspieler
Andrey Santos (Manchester United), Breno Bidon (Corinthians), Bruno Guimarães (Arsenal), Danilo Santos (Botafogo), Douglas Luiz (Juventus), Gabriel Bontempo (Santos)
Angreifer
Endrick (Real Madrid), Estêvão (Chelsea), João Pedro (Chelsea), Pedro (Flamengo), Raphinha (Barcelona), Rayan (Bournemouth), Samuel Lino (Flamengo), Vinicius Junior (Real Madrid)
