„Brasilien siegte, überzeugte aber keineswegs!“

Der magere 2:1 Erfolg gegen Nordkorea hat im Brasilien eine Diskussion über die richtige Vorgehensweise von Trainer Carlos Dunga ausgelöst. Auch wenn am Ende die Freude über den Auftaktsieg überwiegte, blicken Fans und Experten mit Sorge auf die kommenden Begegnungen bei der Fussball-WM 2010.

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„Brasilien siegte, überzeugte aber keineswegs!“ Dies ist die einhellige Meinung über die Leistung der Seleção im grössten Land Südamerikas beim ersten Gruppenspiel gegen Nordkorea. Sportkommentatoren, Online-Zeitungen und Fans sparen derzeit nicht mit warnenden Worten. Auch Trainer Dunga und die Spieler des fünffachen Weltmeisters üben sich in Selbstkritik. „Ich bin zufrieden mit dem Sieg, aber wir müssen mehr bieten. Ich möchte, dass wir mehr Tore erzielen“ erklärte Dunga gegenüber Journalisten. Doch an seiner defensiven Taktik will er zunächst festhalten. „Es geht immer nur um Effizienz, im Angriff und in der Abwehr. Ohne Effizienz kommt man nirgends hin.“

Doch gerade dies sorgte beim Spiel gegen den asiatischen Underdog für Unverständnis bei Experten und Anhängern. Bei so einem defensiv eingestellten Gegner müsse man offensiv mit Kreativität und Spielwitz die Abwehrreihen überwinden und so schnell zum Torerfolg kommen, hörte man in zahlreichen Interviews nach der Begegnung. Brasilien hatte sich jedoch mit seiner vorsichtigen Spielweise fast eine Stunde lang die Zähne am Abwehrbollwerk ausgebissen und war schier verzweifelt. Am Ende übten sich die Spieler in den kanariengelben Trikots in harmlosen Distanzschüssen.

Neben dem lustlos und demotiviert erscheinenden Mannschaftsspiel steht derzeit die schwache Leistung von Seleção-Star Kaká im Mittelpunkt der Diskussionen. Immer mehr Rufe werden laut, der schwächelnden Mittelfeldstrategen auf die Bank zu verbannen. Kaká spielte bereits bei Real Madrid eine schlechte Saison und ist derzeit weit von seiner Topform entfernt.

Auch Toninho Cerezo sieht die Notwendigkeit einer Steigerung beim Spieler mit der berühmten Rückennummer 10. „Er ist der wichtigste Spieler auf dem Platz und muss den letzten Pass geben. Wir brauchen mehr Spielbeteilung von ihm“ erklärte der ehemalige Nationalspieler, der sehr gut das Gefühl nachvollziehen kann, inmitten sämtlicher Kritik zu stehen. Er war bei der WM 1982 durch einen Fehlpass für den Siegtreffer Italiens und damit für das vorzeitige Ausscheiden der Seleção verantwortlich.

Nachdem die erste Euphorie nun mehr und mehr am Abklingen ist, wächst der Druck auf Trainer Dunga bezüglich einer Mannschaftsumstellung beim Spiel gegen die Elfenbeinküste am Sonntag. Dies wurde auch bei der Pressekonferenz am Donnerstag klar, bei der Robinho durchblicken liess, durchaus auf der Position von Kaká spielen zu können. Auch Nilmar, der in den letzten Minuten der Partie neuen Schwung ins Spiel brachte, hofft auf einen Platz in der Startelf. Er könnte den erfolglosen und äusserst blassen Luis Fabiano ersetzen, der ebenfalls in einem Formtief steckt und jeden Torinstinkt vermissen lässt.

Bei einer solchen Konstellation könnte dann auch Bundesligist Grafite seine grosse WM-Chance erhalten und versuchen, gegen die Afrikaner die dringend benötigten Tore zu schiessen. Und zuletzt steht mit Ramires auch noch der zweifache Torschütze vom Spiel gegen Tansania in den Startlöchern. Der Rekord-Weltmeister hat also durchaus jede Menge Spieler mit nach Südafrika genommen, die für neue Akzente bei der Seleção sorgen könnten. Das Trainergespann Dunga und Jorginho muss nun in den kommenden Tagen die schwere Entscheidung treffen, ob frisches und vor allem jüngeres Blut neben der geforderten Effizienz nicht vielleicht auch ein klein wenig mehr Leidenschaft ins brasilianische Spiel bringen könnte.

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AutorIn: Dietmar Lang · Bildquelle: CBF

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