Vor einem Jahr begann für Brasiliens Nationalmannschaft ein neues Kapitel. Nach Monaten voller Spekulationen, Unsicherheit und wachsendem Druck entschied sich der Verband für einen Trainer von internationalem Format, der zuvor auf höchstem Niveau im europäischen Klubfussball gearbeitet hatte. Die Hoffnung war klar: endlich wieder Stabilität, klare Strukturen und eine Siegermentalität in eine Mannschaft bringen, die seit der enttäuschenden WM in Katar ihren sportlichen Kompass verloren hatte.

Die Zeit nach dem Viertelfinal-Aus gegen Kroatien hinterliess tiefe Spuren. Nicht nur sportlich, sondern auch emotional. Der damalige Trainer verabschiedete sich nach dem Turnier, danach folgte eine lange Phase der Orientierungslosigkeit. Übergangslösungen, kurzfristige Projekte und mehrere Wechsel auf der Trainerbank sorgten dafür, dass die Seleção nie wirklich zur Ruhe kam. Die Leistungen in der WM-Qualifikation schwankten stark, das Auftreten wirkte häufig ideenlos, uninspiriert und weit entfernt vom Selbstverständnis des fünffachen Weltmeisters.
Vor allem die fehlende Identität wurde in Brasilien immer stärker diskutiert. Trotz hochkarätiger Einzelspieler fehlte es der Mannschaft an Balance, Organisation und Konstanz. Viele Fans hatten das Gefühl, dass der Glanz vergangener Jahre verloren gegangen war. Genau in dieser Phase setzte der Verband auf Erfahrung, Autorität und internationale Strahlkraft.
Ein Jahr später fällt die Zwischenbilanz vorsichtig positiv aus. Der Neustart brachte nicht sofort spektakulären Offensivfussball, aber spürbar mehr Ruhe und Struktur. In den ersten zehn Spielen gab es mehrere überzeugende Auftritte, dazu wichtige Siege und vor allem die erfolgreiche Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2026. Genau dieses Ziel hatte oberste Priorität.
Besonders auffällig ist die veränderte Atmosphäre rund um die Nationalmannschaft. Während zuvor beinahe jedes Spiel von Kritik, Nervosität und Diskussionen begleitet wurde, wirkt das Umfeld inzwischen stabiler. Die Spieler treten geschlossener auf, taktisch zeigt sich das Team disziplinierter, defensiv kompakter. Gleichzeitig bleibt die Erwartungshaltung riesig. In Brasilien zählt am Ende nicht nur die Qualifikation, sondern einzig der Kampf um den Titel.
Der Verband glaubt offenbar langfristig an das Projekt. Erst vor einigen Tagen wurde der Vertrag des Trainers vorzeitig bis zur Weltmeisterschaft 2030 verlängert. Ein deutliches Signal dafür, dass diesmal kein kurzfristiger Umbruch geplant ist, sondern ein nachhaltiger Neuaufbau.
Nun richtet sich der Blick auf die kommende Weltmeisterschaft in Nordamerika. Brasilien startet gegen Marokko ins Turnier, danach warten Haiti und Schottland. Auf dem Papier gilt die Gruppe als machbar, doch die Verantwortlichen wissen genau, dass die grossen Prüfungen erst in der K.-o.-Phase beginnen werden.
