Es ist Zeit, Abschied von Neymar zu nehmen – oder doch nicht?

Rückblickend erscheint der 23. Oktober 2023 als ein Wendepunkt im brasilianischen Fussball. An jenem Abend in Montevideo verletzte sich Neymar im WM-Qualifikationsspiel gegen Uruguay schwer am rechten Knie. Es war mehr als eine weitere Verletzung. Es war der Moment, in dem die Karriere des vielleicht talentiertesten brasilianischen Fussballers seiner Generation eine neue, ungewisse Richtung einschlug.

Neymar und Ancelotti – Foto: CBF/FotosPúblicas

Seitdem begleitet Neymar ein ständiger Kampf gegen den eigenen Körper. Nach seinem Abschied aus Paris folgte das Kapitel in Saudi-Arabien, das nie richtig Fahrt aufnahm. Anschliessend kehrte er zu Santos zurück. Die Rückkehr war von einer Euphorie begleitet, wie sie nur wenige Spieler in Brasilien auslösen können.

Für viele Fans war es die Heimkehr eines Helden. Die Hoffnung war gross, dass Neymar noch einmal zu jener Figur werden könnte, die Brasilien auf der grössten Bühne des Weltfussballs anführt. Doch die Geschichte entwickelte sich anders. Zwar blitzte sein aussergewöhnliches Talent immer wieder auf.

Sein spektakulärer Lupfer gegen Vasco da Gama erinnerte an die grossen Jahre. Auch seine Leidenschaft und sein unerschütterlicher Wille waren unverkennbar. Doch ebenso offensichtlich wurden die körperlichen Grenzen. Die Dynamik fehlte oft, Dribblings verloren ihre frühere Selbstverständlichkeit, und Verletzungen unterbrachen regelmässig jeden Versuch einer nachhaltigen Rückkehr.

Für viele Beobachter ist die jüngste Muskelverletzung deshalb mehr als nur ein weiterer Rückschlag. Sie steht sinnbildlich für eine Karrierephase, die zunehmend von Unsicherheit geprägt wird. Und dennoch wäre es ein Fehler, die Rechnung ohne die brasilianischen Fans zu machen.

Denn während Analysten, ehemalige Spieler und Journalisten über Formkurven, Belastungssteuerung und Kaderplanung diskutieren, hält ein grosser Teil der brasilianischen Öffentlichkeit weiterhin zu Neymar. Die Unterstützung ist enorm. In den sozialen Netzwerken, in Radio-Sendungen und an den Stammtischen des Landes zeigt sich immer wieder dasselbe Bild: Neymar besitzt in Brasilien nach wie vor eine aussergewöhnlich starke Lobby.

Viele Fans argumentieren, dass Brasilien derzeit keinen Spieler besitzt, der in entscheidenden Momenten ähnlich kreativ und spielentscheidend sein kann. Sie erinnern an seine Tore, seine Vorlagen und an die zahlreichen Spiele, die er praktisch im Alleingang entschieden hat.

“Selbst bei 70 Prozent seiner Leistungsfähigkeit ist Neymar noch besser als viele andere”, lautet ein häufig zu hörendes Argument.
Andere verweisen auf seinen Einfluss innerhalb der Mannschaft. Neymar sei nicht nur ein Spieler, sondern eine Identifikationsfigur. Ein Star, der Druck gewohnt ist und in grossen Spielen Verantwortung übernimmt.

Gerade ältere Fans ziehen zudem Vergleiche zu früheren brasilianischen Legenden, die ebenfalls mit körperlichen Problemen kämpften und dennoch bei grossen Turnieren eine wichtige Rolle spielten. Doch die Gegenstimmen werden lauter. Viele Anhänger fragen inzwischen, ob Brasilien nicht längst den Blick nach vorne richten müsste. Ob die Seleção nicht Gefahr läuft, an einer vergangenen Ära festzuhalten, während andere Nationen bereits die nächste Generation aufbauen.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob Neymar noch Fussball spielen kann. Die Frage lautet, ob Brasilien bei einer Weltmeisterschaft auf einen Spieler setzen darf, dessen körperliche Verfassung immer wieder Anlass zur Sorge gibt. Selbst überzeugte Neymar-Anhänger müssen eingestehen, dass jede neue Verletzung die Zweifel vergrössert. Niemand kann heute garantieren, dass nach einer Rückkehr nicht schon wenige Wochen später der nächste Rückschlag folgt.

Vielleicht liegt genau darin die Tragik dieser Geschichte. Der Fussballer Neymar existiert noch immer. Seine Technik, seine Spielintelligenz und sein Gespür für besondere Momente sind weiterhin vorhanden. Doch der Athlet Neymar, jener explosive Ausnahmespieler, der Verteidiger reihenweise stehen liess und Spiele dominierte, erscheint zunehmend wie eine Erinnerung an vergangene Jahre.

Brasilien steht damit vor einer emotionalen Entscheidung. Nicht nur Trainer, Funktionäre und Experten müssen Position beziehen. Auch die Fans werden eine wichtige Rolle spielen. Denn kaum ein anderer brasilianischer Spieler der vergangenen Jahrzehnte hat das Land so stark polarisiert und gleichzeitig so viele Menschen begeistert wie Neymar.

Vielleicht ist es tatsächlich Zeit, Abschied von der Vorstellung des unaufhaltsamen Neymar zu nehmen. Doch solange die Stadien seinen Namen singen, solange Millionen Brasilianer an ein weiteres Comeback glauben und solange er selbst nicht bereit ist aufzugeben, wird die Debatte weitergehen. Denn in Brasilien ist Neymar längst mehr als nur ein Fussballer. Er ist ein Symbol einer ganzen Generation.

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