Die brasilianische Nationalmannschaft steht kurz vor dem Beginn ihrer Weltmeisterschaftsmission. Bevor die Seleção jedoch am 13. Juni gegen Marokko ins Turnier startet, nutzt Carlo Ancelotti das letzte Testspiel gegen Ägypten, um seiner Mannschaft den letzten Feinschliff zu verleihen. Der Italiener zeigte sich nach dem überzeugenden Auftritt gegen Panama zufrieden, insbesondere mit den Spielern, die nach der Pause ins Spiel kamen.

Genau deshalb will er auch gegen Ägypten wieder möglichst vielen Akteuren Einsatzzeit geben. Ancelotti plant, im Verlauf der Partie insgesamt 22 Spieler einzusetzen. Die Botschaft ist klar: Der Konkurrenzkampf ist eröffnet, und jeder Kaderspieler soll die Chance erhalten, sich für die grossen Aufgaben der kommenden Wochen zu empfehlen.
Besonders im Fokus stehen Lucas Paquetá und Igor Thiago. Beide sorgten gegen Panama in der zweiten Halbzeit für frischen Wind und erzielten wichtige Treffer. Nun könnten sie erstmals gemeinsam von Beginn an auflaufen. Mit ihren unterschiedlichen Qualitäten bringen sie neue Elemente ins brasilianische Offensivspiel. Während Luiz Henrique vor allem über Dynamik und Breite kommt und Matheus Cunha durch seine Beweglichkeit zwischen den Linien überzeugt, bieten Paquetá und Igor Thiago andere Lösungen.
Gerade diese Vielfalt fasziniert Ancelotti. «Ich möchte testen. Dies ist unsere letzte Gelegenheit vor dem Turnier. Paquetá besitzt andere Eigenschaften, ebenso Igor Thiago. Unser System mit vier offensiven Spielern ist gefestigt, aber ich suche zusätzliche Optionen», erklärte der Nationaltrainer. Seit seiner Amtsübernahme hat Ancelotti grossen Wert daraufgelegt, Brasilien taktisch flexibel zu machen.
Das Grundgerüst steht zwar fest, doch innerhalb dieser Struktur sollen unterschiedliche Spielertypen verschiedene Antworten auf unterschiedliche Gegner liefern können. Dabei bleibt eines unverändert: die defensive Organisation. «Unser Defensivsystem wird sich nicht ändern. Wir spielen im 4-4-2. Was sich verändert, sind die Eigenschaften der Spieler. Nach über 40 Jahren im Fussball weiss ich genau, dass Paquetá kein Flügelspieler ist», sagte Ancelotti mit einem Lächeln.
Dass der Trainer seine Startelf diesmal nicht vorab verraten wollte, überrascht daher kaum. Anders als vor dem Panama-Spiel hält er seine Karten nun bewusst verdeckt. Für ihn gibt es derzeit ohnehin keine festen Stammspieler. «Für mich können alle 26 nominierten Spieler beginnen», betonte er. Diese Aussage unterstreicht die Philosophie des Trainers. Statt früh eine Hierarchie festzulegen, möchte er die gesamte Qualität seines Kaders ausschöpfen.
Die Seleção verfügt über eine enorme Breite, die gerade bei einem langen Turnier entscheidend sein kann. Gegen Ägypten wird neben Paquetá und Igor Thiago auch Douglas Santos von Beginn an erwartet. Auf der linken Abwehrseite erhält er die Chance, nachdem zuletzt Alex Sandro dort gestartet war. Besonders spannend bleibt die Entwicklung von Igor Thiago. Der Stürmer hat sich in den vergangenen Testspielen nachhaltig empfohlen und zählt inzwischen zu den grossen Gewinnern der Vorbereitung. Mit ihm erhält Brasilien wieder einen klassischen Mittelstürmer, der permanent Präsenz im Strafraum ausstrahlt.
«Matheus Cunha verbindet das Spiel hervorragend und bewegt sich intelligent zwischen den Linien. Igor Thiago ist anders. Er ist kraftvoll, clever und im Strafraum extrem gefährlich», lobte Ancelotti. Während viele Positionen noch offen erscheinen, gibt es bei einem Namen weiterhin Geduld statt Risiko: Neymar.
Wie bereits in den vergangenen Tagen angekündigt wurde, wird der Offensivstar auch gegen Ägypten nicht zu r Verfügung stehen. Anders als beim Test gegen Panama wird er diesmal nicht einmal auf der Ersatzbank Platz nehmen. Stattdessen bleibt er in New Jersey und arbeitet intensiv an seiner Rehabilitation nach seiner Wadenverletzung.
Zu Beginn der kommenden Woche soll eine erneute MRT-Untersuchung Klarheit über seinen Heilungsverlauf bringen. Im brasilianischen Trainerstab herrscht vorsichtiger Optimismus, dass Neymar rechtzeitig zum WM-Auftakt gegen Marokko wieder ins Mannschaftstraining einsteigen kann. Bis dahin richtet sich der Blick der Seleção auf den letzten Härtetest.
Für Ancelotti geht es weniger um das Resultat als um Erkenntnisse. Die Grundstruktur steht, doch die Suche nach der idealen Mischung für den WM-Start läuft auf Hochtouren. Gegen Ägypten erhält Brasilien ein letztes Mal die Gelegenheit, Antworten auf offene Fragen zu finden, bevor es ernst wird. Und genau darin liegt die besondere Spannung dieses Testspiels: Nicht nur die Fans warten auf die endgültige Form der Seleção, auch Ancelotti selbst scheint noch einige interessante Puzzleteile zusammensetzen zu wollen.
