Brasiliens Sturmhoffnung: Cunha soll die Tradition der Nummer 9 fortführen

Wenn die brasilianische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika aufläuft, wird erneut ein neues Gesicht die wohl symbolträchtigste Rückennummer des Landes tragen. Die legendäre Nummer 9, einst getragen von Ikonen wie Tostão und später unsterblich gemacht von Ronaldo, dem „Fenômeno“, gehört nun Matheus Cunha.

Matheus Cunha – Foto: Rafael Ribeiro/CBF

Mit dieser Entscheidung hat Nationaltrainer Carlo Ancelotti ein deutliches Zeichen gesetzt. Der Italiener vertraut dem 27-jährigen Offensivspieler aus João Pessoa im Bundesstaat Paraíba und gibt ihm eine Rolle, die in Brasilien weit über taktische Überlegungen hinausgeht. Die Nummer 9 steht im Land des Fussballs für Tore, Verantwortung und die Erwartung eines ganzen Volkes.

Cunha setzte sich dabei gegen eine hochkarätige Konkurrenz durch. Spieler wie Richarlison, Gabriel Jesus, João Pedro, Pedro, Igor Jesus oder Vitor Roque galten allesamt als Kandidaten für die Position im Zentrum des brasilianischen Angriffs. Doch Ancelotti entschied sich für einen anderen Weg.

Interessanterweise verkörpert Cunha nicht den klassischen Mittelstürmer brasilianischer Prägung. Im System des erfahrenen Trainers agiert er deutlich flexibler, lässt sich zurückfallen, sucht die Räume zwischen den Linien und bewegt sich ständig rund um den Strafraum.

Er verbindet Mittelfeld und Angriff, schafft Überzahlsituationen und eröffnet seinen Mitspielern Räume. Die eigentliche Rolle des Strafraumstürmers könnte je nach Spielsituation eher Endrick oder Igor Thiago zukommen. Beide hinterliessen in den Testspielen vor der WM einen starken Eindruck und gelten als wichtige Alternativen von der Bank.

Für Matheus Cunha ist die Nominierung der Höhepunkt einer langen und oft schwierigen Reise. Noch vor der Weltmeisterschaft 2022 in Katar galt er als aussichtsreicher Kandidat für den Kader von Tite. Die Nichtberücksichtigung traf ihn hart. Form und Selbstvertrauen litten sichtbar, später spielte er auch unter Dorival Júnior zunächst keine entscheidende Rolle. Doch statt öffentlich zu klagen, arbeitete Cunha im Stillen weiter an seinem Traum.

Diese Beharrlichkeit zahlte sich aus. Beim Wolverhampton Wanderers FC entwickelte er sich zu einer Schlüsselfigur und gehörte zu den auffälligsten brasilianischen Offensivspielern der Premier League. Seine Leistungen weckten das Interesse der europäischen Spitzenklubs.

2025 folgte schliesslich der grosse Schritt zu Manchester United. Für rund 74 Millionen Euro wechselte er zu den „Red Devils“ und übernahm dort sogar die prestigeträchtige Nummer 10. Mit zehn Toren und vier Assists in seinen ersten 33 Pflichtspielen rechtfertigte er das Vertrauen rasch.

Sein Weg nach Manchester begann jedoch weit entfernt von den grossen Stadien Europas. In João Pessoa machte Cunha zunächst im Futsal auf sich aufmerksam. Beim Esporte Clube Cabo Branco zeigte er schon früh seine aussergewöhnliche Technik und Kreativität. Unterstützt von Trainer Barão Xavier erhielt er die Chance, 2016 mit Coritiba am traditionsreichen Juniorenturnier Copa São Paulo teilzunehmen.

Ein Turnier in der Schweiz sollte sein Leben verändern. Dort überzeugte der junge Brasilianer erneut und erhielt ein Angebot des FC Sion. Trotz der verständlichen Bedenken seiner Familie entschied er sich für das Abenteuer Europa. Es war eine mutige Entscheidung, die den Grundstein für seine Karriere legte. Über Stationen bei RB Leipzig, Hertha BSC, Atlético Madrid und Wolverhampton führte ihn sein Weg schliesslich an die Spitze des europäischen Fussballs.

Auch im Trikot der Seleção verlief nicht alles geradlinig. Sein Debüt feierte Cunha im September 2020. Die ersten Jahre waren von Schwankungen geprägt, und lange Zeit schien sein Platz im Nationalteam keineswegs gesichert. Doch er liess sich von Rückschlägen nicht entmutigen.

Besonders prägend war sein Auftritt bei den Olympischen Spielen von Tokio, die aufgrund der Pandemie erst 2021 ausgetragen wurden. Unter Trainer André Jardine gehörte Cunha zu den entscheidenden Figuren der Mannschaft. Im olympischen Final gegen Spanien erzielte er ein Tor und trug massgeblich dazu bei, dass Brasilien die Goldmedaille verteidigen konnte. Damals trug er bereits jene Nummer 9, die nun auch auf der grössten Bühne des Weltfussballs wieder seine Schultern schmücken wird.

Für viele brasilianische Fans steht Matheus Cunha sinnbildlich für eine neue Generation der Seleção. Er verbindet die technische Eleganz des brasilianischen Fussballs mit der Dynamik und Intensität des modernen europäischen Spiels. Seine Geschichte ist die eines Spielers, der Niederlagen akzeptierte, Rückschläge überstand und sich seinen Platz an der Spitze hart erarbeitete.

Nun wartet die grösste Herausforderung seiner Karriere. Mit der Nummer 9 auf dem Rücken wird Matheus Cunha nicht nur Tore erzielen sollen. Er trägt auch die Hoffnungen einer Fussballnation, die davon träumt, den sechsten WM-Stern auf das Trikot der Seleção zu setzen.

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