Noch zwei Tage, dann beginnt für die Seleção das Abenteuer Weltmeisterschaft. Die Erwartungen im Lager der Brasilianer sind riesig, die Vorfreude ebenso. Beim Training am Donnerstagmorgen im Columbia Park Training Center in Morristown gewährte die Mannschaft den Medien lediglich einen kurzen Einblick von 15 Minuten. Wer jedoch hoffte, daraus Rückschlüsse auf die Startelf gegen Marokko ziehen zu können, wurde enttäuscht. Carlo Ancelotti liess sich keinerlei Hinweise entlocken.

Der Erfolgscoach, der erstmals eine brasilianische Nationalmannschaft an einer Weltmeisterschaft betreut, wahrt vor dem Auftaktspiel am Samstagabend im MetLife Stadium von New Jersey grösste Geheimhaltung. Dort trifft Brasilien im ersten Gruppenspiel der Gruppe C auf die Marokkaner. Komplettiert wird die Gruppe durch Schottland und Haiti.
Die kurze Trainingseinheit vermittelte dennoch einen aufschlussreichen Eindruck über die Stimmung innerhalb des Teams. Auf engem Raum wurden die Feldspieler in drei Mannschaften aufgeteilt. Während zwei Teams um Ballbesitz kämpften, wartete die dritte Gruppe auf ihren Einsatz. Sobald der Ball verloren ging, wechselten die Rollen unmittelbar.
Was als spielerische Übung angelegt war, entwickelte sich schnell zu einem intensiven Wettkampf. Jeder Zweikampf wurde ernst genommen, jede Entscheidung diskutiert. Mehrfach beschwerten sich Spieler scherzhaft bei Ancelottis Assistenten über vermeintlich falsche Bewertungen beim Ballverlust.
Die Atmosphäre blieb dabei jederzeit locker und von gegenseitigem Respekt geprägt. Genau diese Mischung aus Konzentration und Leichtigkeit gilt seit Jahrzehnten als eine der grossen Stärken brasilianischer Mannschaften bei internationalen Turnieren.
Besonders gut gelaunt präsentierten sich die Offensivspieler Endrick, Matheus Cunha und Lucas Paquetá. Immer wieder sorgten sie mit Spässen und lockeren Sprüchen für Gelächter unter den Teamkollegen. Gleichzeitig war spürbar, dass jeder Akteur um seinen Platz in der Startformation kämpft.
Genau dort liegen derzeit die grössten Fragezeichen. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Wesley ist die rechte Abwehrseite offen. Danilo und Ibañez gelten als die wahrscheinlichsten Kandidaten für diese Position. Auf der linken Seite konnten sich sowohl Alex Sandro als auch Douglas Santos in den jüngsten Testspielen empfehlen.
Auch in der Offensive herrscht ein intensiver Konkurrenzkampf. Neben den gesetzten Flügelstars Raphinha und Vinícius Júnior bewerben sich Matheus Cunha, Lucas Paquetá, Luiz Henrique und Igor Thiago um die verbleibenden Plätze im Angriffsdrittel. Ancelotti verfügt über zahlreiche Optionen und scheint gewillt, seine endgültige Entscheidung bis zuletzt geheim zu halten.
Einziger Wermutstropfen bleibt die Situation um Neymar. Der Rekordtorschütze der Seleção arbeitet weiterhin individuell an seinem Comeback nach einer Verletzung an der rechten Wade. Bereits die Vorbereitungsspiele gegen Panama und Ägypten musste er auslassen. Innerhalb des brasilianischen Betreuerstabs herrscht jedoch vorsichtiger Optimismus, dass der Superstar zumindest im zweiten Gruppenspiel gegen Haiti am 19. Juni in Philadelphia wieder zur Verfügung stehen könnte.
Für Brasilien geht es bei dieser Weltmeisterschaft nicht nur um Resultate, sondern auch um die Rückkehr zu jenem Spielstil, der das Land weltweit berühmt gemacht hat. Mit Ancelotti an der Seitenlinie verbindet sich die Hoffnung, europäische taktische Disziplin mit der traditionellen Kreativität und Spielfreude der Seleção zu vereinen.
Das Abschlusstraining vor dem Duell mit Marokko findet am Freitag erneut in Morristown statt. Anders als bei früheren Weltmeisterschaften wird die letzte Einheit nicht im Stadion des Auftaktspiels durchgeführt. Die FIFA hat entschieden, die Spielfelder der Arenen bis zum Anpfiff möglichst zu schonen.
Wenn Brasilien am Samstag den Rasen des MetLife Stadiums betritt, beginnt ein neues Kapitel in der langen WM-Geschichte der Seleção. Die Aufstellung bleibt vorerst ein Geheimnis. Die Ambitionen hingegen sind offensichtlich: Das Land des fünfmaligen Weltmeisters träumt erneut vom ganz grossen Triumph.
