Seleção auf Mission: Der Traum vom sechsten Stern

Carlo Ancelotti bleibt sich treu. Auch in den letzten Stunden vor dem WM-Auftakt der brasilianischen Nationalmannschaft liess sich der Meistertrainer keine Details über seine Startelf entlocken. Weder während der Trainingseinheiten noch auf der Pressekonferenz im MetLife Stadium in New Jersey gab der erfahrene Coach konkrete Hinweise darauf, wer beim ersten Gruppenspiel gegen Marokko von Beginn an auf dem Platz stehen wird.

Geheimnis Aufstellung – Foto: Rafael Ribeirro/CBF

Eine wichtige Botschaft sendete Ancelotti dennoch aus. Die Seleção will bei dieser Weltmeisterschaft ihre Stärke bei Standardsituationen konsequent nutzen. Für den Trainer gehören Eckbälle und Freistösse längst zu den entscheidenden Faktoren des modernen Fussballs.

„Rund 30 Prozent aller Tore entstehen nach Standardsituationen. Das ist ein enorm wichtiger Aspekt. Wir haben hervorragende Schützen und starke Kopfballspieler. Das müssen wir ausnutzen“, erklärte Ancelotti wenige Stunden vor dem Turnierstart. Die Zahlen aus Europas Topligen geben ihm recht. Immer mehr Spitzenteams entscheiden Spiele über perfekt einstudierte Abläufe nach ruhenden Bällen.

Besonders eindrucksvoll demonstrierte dies der englische Meister Arsenal in der vergangenen Saison. Ein erheblicher Teil der Tore entstand nach Eckbällen und Freistössen. Standards wurden dort zu einer echten Waffe und oft zum Schlüssel für knappe Siege. Eine zentrale Rolle spielte dabei der brasilianische Innenverteidiger Gabriel Magalhães.

Der Abwehrspieler entwickelte sich nicht nur zu einem defensiven Stabilitätsfaktor, sondern auch zu einer ständigen Gefahr im gegnerischen Strafraum. Mit mehreren Toren und Vorlagen nach Eckbällen unterstrich er seine Bedeutung für Arsenal. Genau diese Qualitäten könnten nun auch der Seleção helfen, wenn gegen Marokko die Räume eng werden und jede Chance zählt.

Die Aufgabe wird anspruchsvoll. Marokko reist mit grossem Selbstvertrauen an. Die Nordafrikaner sorgten bereits bei der vergangenen Weltmeisterschaft für Aufsehen, als sie als erste afrikanische Mannschaft überhaupt das Halbfinale erreichten. Ihre kompakte Organisation, ihre Disziplin und ihre taktische Reife machten sie damals zu einem der unangenehmsten Gegner des Turniers.

Ancelotti begegnet dem kommenden Gegner deshalb mit grossem Respekt. Er erwartet von seiner Mannschaft höchste Konzentration in allen Spielphasen. „Marokko ist hervorragend organisiert und besitzt viel Qualität. Wir dürfen defensiv, offensiv und in den Umschaltmomenten nichts vernachlässigen. Wir brauchen ein komplettes Spiel. Im modernen Fussball gibt es keine kleinen Mannschaften mehr“, betonte der Brasilien-Coach.

Trotz dieser Warnung strahlt die brasilianische Delegation grosse Zuversicht aus. Seit dem Amtsantritt Ancelottis hat sich rund um die Seleção eine neue Ruhe entwickelt. Der Italiener bringt nicht nur seine Erfahrung aus den grössten europäischen Klubs mit, sondern auch eine Gelassenheit, die auf die Mannschaft abgefärbt hat. Die Mischung aus etablierten Stars und einer talentierten jungen Generation sorgt für Optimismus im Lager der fünffachen Weltmeister.

„Wir sind überzeugt, gegen jede Mannschaft dieses Turniers bestehen zu können. Das Gefühl innerhalb der Gruppe ist sehr positiv. Wir gehen mit viel Selbstvertrauen in diese Weltmeisterschaft“, sagte Ancelotti. Während sich die Mannschaft auf den Auftakt vorbereitet, arbeitet einer der grössten Stars des Landes weiterhin abseits des Rasens an seinem Comeback. Neymar ist bislang der einzige Spieler des 26-köpfigen Kaders, der noch keine Trainingseinheit mit der Mannschaft absolvieren konnte.

Der Offensivspieler kämpft weiterhin mit den Folgen einer Muskelverletzung in der rechten Wade. Dennoch zeigt sich Ancelotti optimistisch. Der Trainer lobte die Einstellung seines prominenten Schützlings ausdrücklich. „Neymar arbeitet sehr intensiv daran, so schnell wie möglich zurückzukehren. Wir hoffen, dass er nächste Woche wieder zur Gruppe stossen kann. Seine technische Qualität ist unbestritten. Dazu kommen seine Erfahrung und sein Vorbildcharakter innerhalb des Teams.“

Tatsächlich bleibt Neymar trotz seiner Abwesenheit eine prägende Figur. Viele der jüngeren Nationalspieler sind mit seinen Auftritten aufgewachsen. Seine Karriere hat eine ganze Generation brasilianischer Fussballer beeinflusst. Auch deshalb wird seine mögliche Rückkehr mit grosser Spannung erwartet.

Der Blick richtet sich nun auf das zweite Gruppenspiel gegen Haiti in Philadelphia. Dort könnte Neymar erstmals wieder zum Aufgebot gehören und möglicherweise seine ersten Minuten bei dieser Weltmeisterschaft absolvieren. Zunächst aber konzentriert sich alles auf die Herausforderung gegen Marokko.

Für Brasilien beginnt damit die Jagd nach dem lang ersehnten sechsten Stern. Die Erwartungen im Heimatland sind gewaltig, die Hoffnung ebenso. Unter Carlo Ancelotti soll die Seleção nicht nur begeistern, sondern auch die Balance finden, die bei den vergangenen Weltmeisterschaften oft fehlte.

Der Weg zum Titel ist lang, doch innerhalb der Mannschaft herrscht die Überzeugung, dass sie jeden Gegner vor Probleme stellen kann. Vielleicht sind es am Ende sogar jene scheinbar unspektakulären Momente nach einem Eckball oder Freistoss, die den Unterschied ausmachen und den Traum vom nächsten WM-Triumph am Leben halten.

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