Das gestrige 1:1 gegen Marokko hat die Diskussionen rund um Brasiliens Nationalmannschaft und dem neuen Cheftrainer nicht verstummen lassen. Im Gegenteil. Die Seleção lieferte in New Jersey keine Glanzvorstellung ab, wirkte phasenweise ideenlos und tat sich gegen einen disziplinierten Gegner schwer. Dennoch verliessen die Brasilianer den Platz nicht als Verlierer.

Vielmehr entstand der Eindruck einer Mannschaft, die noch nicht ihr ganzes Potenzial ausgeschöpft hat, aber über jene Eigenschaften verfügt, die bei einer Weltmeisterschaft oft entscheidend sind. Der Traum vom sechsten Stern lebt. Und vielleicht gerade deshalb, weil die Erwartungen diesmal deutlich vorsichtiger ausfallen als bei früheren Turnieren.
Wer auf die Geschichte des brasilianischen Fussballs blickt, entdeckt einige bemerkenswerte Parallelen. Seit dem WM-Triumph 2002 wartet die Seleção auf einen weiteren Titel. Das sind inzwischen 24 Jahre. Exakt dieselbe Zeitspanne lag zwischen dem legendären Triumph von 1970 und dem lang ersehnten Titelgewinn von 1994 in den USA. Für viele mag das reine Statistik sein, doch in Brasilien, wo Fussball und Aberglaube seit Generationen Hand in Hand gehen, werden solche Zufälle durchaus als gutes Omen verstanden.
Auch die Ausgangslage erinnert an frühere Erfolgsgeschichten. Weder 1994 noch 2002 reiste Brasilien als unumstrittener Topfavorit an. Beide Mannschaften hatten schwierige Qualifikationsphasen hinter sich, mussten Kritik einstecken und wurden von Zweifeln begleitet. Am Ende standen dennoch zwei Weltmeistertitel.
Die aktuelle Generation kennt diese Skepsis nur zu gut. Nach mehreren enttäuschenden Turnieren und dem schmerzhaften Aus gegen Kroatien 2022 ist das Vertrauen vieler Anhänger noch immer angeschlagen. Doch genau diese Rolle des Herausforderers könnte sich als Vorteil erweisen.
Hinzu kommt der Austragungsort. Die Vereinigten Staaten wecken bei brasilianischen Fans bis heute Erinnerungen an den Triumph von 1994, als Romário, Bebeto und Dunga den vierten WM-Titel ins Land holten. Mehr als drei Jahrzehnte später kehrt die Weltmeisterschaft auf nordamerikanischen Boden zurück. Für eine Fussballnation, die ihre grössten Momente gerne mit Symbolik verbindet, ist das mehr als nur eine Randnotiz.
Ein entscheidender Hoffnungsträger trägt allerdings keinen brasilianischen Pass. Mit Carlo Ancelotti steht erstmals ein ausländischer Trainer an der Seitenlinie der Seleção bei einer Weltmeisterschaft. Der Italiener gilt als einer der erfolgreichsten Trainer der Fussballgeschichte. Seine Titel bei Vereinen wie Real Madrid, AC Milan und Chelsea FC haben ihm weltweit Respekt verschafft.
Die Verpflichtung des Italieners war über Jahre hinweg ein Wunschprojekt des brasilianischen Verbandes. Als Ancelotti schliesslich im Mai 2025 übernahm, blieb ihm vergleichsweise wenig Zeit, um seine Ideen umzusetzen. Dennoch gelang es ihm, die Mannschaft zu stabilisieren. Die Qualifikation verlief deutlich ruhiger als noch in den Monaten zuvor. Vor allem aber brachte er jene Gelassenheit mit, die in Turnieren oft Gold wert ist. Spieler berichten von einer ruhigen Arbeitsatmosphäre, klaren Abläufen und einem Trainer, dessen Erfahrung in entscheidenden Momenten Vertrauen schafft.
Auffällig ist zudem die Entwicklung der Defensive. Brasilien wurde über Jahrzehnte für spektakuläre Offensivkünstler bewundert. Diesmal könnte die Abwehr zum grössten Trumpf werden. Mit Marquinhos und Gabriel Magalhães verfügt die Seleção über eines der stärksten Innenverteidiger-Duos des Turniers. Beide spielen seit Jahren auf höchstem europäischem Niveau und verbinden körperliche Stärke mit taktischer Disziplin.
Auch die Aussenverteidiger interpretieren ihre Rollen deutlich defensiver als frühere brasilianische Generationen. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Wesley dürfte Ancelotti noch stärker auf Stabilität setzen. Die Handschrift des Italieners ist klar erkennbar. Seine Mannschaft soll kompakt verteidigen, Räume schliessen und dem Gegner möglichst wenig anbieten. In K.o.-Turnieren ist genau dieser Ansatz oft erfolgreicher als spektakulärer Offensivfussball.
Gleichzeitig erreicht ein Grossteil der brasilianischen Schlüsselspieler das ideale Fussballalter. Marquinhos, Bruno Guimarães, Vinícius Júnior und Raphinha verfügen mittlerweile über die Erfahrung grosser Turniere, ohne ihre körperliche Bestform verloren zu haben. Die Lektionen der vergangenen Jahre waren schmerzhaft. 2018 scheiterte Brasilien im Viertelfinal an Belgien nach einer schwachen ersten Halbzeit. Vier Jahre später führte man gegen Kroatien kurz vor Schluss und gab den Sieg dennoch aus der Hand.
Diese Erfahrungen könnten nun wertvoll sein. Insgesamt gehören 15 Spieler zum Kader, die bereits bei der letzten Weltmeisterschaft dabei waren. Viele von ihnen haben inzwischen eine andere Reife entwickelt. Gerade in engen Spielen, wie beim jüngsten 1:1 gegen Marokko, kann diese Erfahrung den Unterschied ausmachen.
Auch der Turnierbaum eröffnet interessante Perspektiven. Nach aktuellem Stand würde Brasilien bis zu einem möglichen Final weder auf Spanien noch auf Frankreich treffen. Das bedeutet keineswegs einen einfachen Weg, verschafft der Mannschaft aber die Chance, schrittweise Selbstvertrauen aufzubauen. Gerade Brasilien hat in der Vergangenheit oft gezeigt, dass Turniere eine eigene Dynamik entwickeln können. Mannschaften wachsen mit ihren Aufgaben, gewinnen an Überzeugung und finden erst während der Weltmeisterschaft zu ihrer besten Form.
Natürlich lauern weiterhin gefährliche Gegner. Titelverteidiger Argentinien zählt erneut zum engsten Favoritenkreis. Auch Portugal verfügt über enorme Qualität, während die Niederlande traditionell zu den unangenehmsten Turniermannschaften gehören. Dennoch spricht einiges dafür, dass die Seleção in diesem Sommer weiterkommen könnte als viele Experten erwarten.
Das gestrige Unentschieden gegen Marokko hat keine Euphorie ausgelöst. Es hat aber auch gezeigt, dass diese Mannschaft widerstandsfähig ist. Vielleicht fehlt ihr noch die spielerische Leichtigkeit vergangener Generationen. Vielleicht ist sie weniger spektakulär als die Teams um Ronaldo, Ronaldinho oder Kaká.
Doch Weltmeisterschaften werden selten von den schönsten Geschichten gewonnen. Oft triumphieren jene Mannschaften, die zum richtigen Zeitpunkt Stabilität, Erfahrung und Selbstvertrauen vereinen. Genau darauf setzt Brasilien. Und genau deshalb bleibt der Traum vom Hexa lebendig.
