Die Erwartungen an die brasilianische Nationalmannschaft sind bei jeder Weltmeisterschaft gewaltig. Kaum ein anderes Team steht derart unter Beobachtung, kaum eine andere Fussballnation verbindet so viel Stolz, Geschichte und Leidenschaft mit dem Turnier. Entsprechend gross war die Aufmerksamkeit beim ersten WM-Auftritt der Seleção unter Carlo Ancelotti. Nach dem 1:1 gegen Marokko im MetLife Stadium von New Jersey hielt sich die Euphorie zwar in Grenzen, doch von Panik oder Zweifel wollte der italienische Trainer nichts wissen.

Mit ernster Miene trat Ancelotti nach dem Schlusspfiff vor die Medien. Seine Antworten fielen kürzer aus als gewohnt, dennoch vermittelte der erfahrene Coach eine klare Botschaft: Dieses Unentschieden verändert nichts am Vertrauen in seine Mannschaft. „Die erste Halbzeit war schwierig. Wir waren nervös und haben zu viele Bälle verloren. Nach der Pause haben wir deutlich besser gespielt. Das Ergebnis ist nicht schlecht. Eine Weltmeisterschaft wird nicht im ersten Spiel gewonnen“, erklärte Ancelotti nüchtern.
Tatsächlich war dem brasilianischen Team die Anspannung über weite Strecken anzumerken. Die Spieler wirkten vor allem in der Anfangsphase gehemmt, suchten noch nach ihrem Rhythmus und fanden gegen die gut organisierte marokkanische Mannschaft nur selten zu ihrem gewohnten Kombinationsspiel. Nach dem Seitenwechsel präsentierte sich die Seleção jedoch mutiger, dynamischer und deutlich zielstrebiger.
Für Ancelotti gehört ein holpriger Start zum Wesen grosser Turniere. Der Italiener, der in seiner einzigartigen Trainerkarriere zahlreiche nationale Meisterschaften sowie mehrere Titel in der UEFA-Champions League gewonnen hat, weiss aus Erfahrung, dass Weltmeisterschaften selten geradlinig verlaufen.
„Das Vertrauen ist vollkommen vorhanden. Im Fussball läuft nicht immer alles perfekt. Gerade ein Auftaktspiel kann aus vielen Gründen anders verlaufen, als man es sich vorstellt. Unser Ziel bleibt unverändert: die Gruppenphase zu überstehen und uns von Spiel zu Spiel zu steigern.“
Besonders intensiv diskutiert wurden nach der Partie einige Personalentscheidungen des Trainers. So erhielt Ibañez, eigentlich Innenverteidiger, den Vorzug auf der rechten Abwehrseite. Im Sturmzentrum begann Igor Thiago, während das brasilianische Supertalent Endrick zunächst auf der Ersatzbank Platz nehmen musste.
Ancelotti verweigerte jedoch eine öffentliche Debatte über einzelne Spieler. Der Teamgedanke steht für ihn über allem. „Ich werde hier nicht über einzelne Akteure sprechen. Ich habe bereits gesagt, dass die Startelf nicht zwangsläufig jene Mannschaft ist, die ein Spiel beendet. Die eingewechselten Spieler haben ihre Aufgabe sehr gut erfüllt.“
Diese Haltung passt zu einem Trainer, der seit Jahrzehnten für Ruhe, Ausgeglichenheit und eine starke Kabinenführung bekannt ist. Ancelotti versucht, den Druck von seinen Spielern fernzuhalten und das grosse Ganze im Blick zu behalten. Gerade bei einem Turnier, das über mehrere Wochen geht, sind Rotation und taktische Anpassungen entscheidende Faktoren.
Bereits am kommenden Freitag wartet die nächste Herausforderung auf die Seleção. Im Lincoln Financial Field in Philadelphia trifft Brasilien auf Haiti. Es ist das zweite Gruppenspiel der Gruppe C, zu der auch Schottland gehört. Nach den Erkenntnissen aus dem Marokko-Spiel deutete Ancelotti bereits an, dass Veränderungen in der Anfangsformation möglich seien. „Das kann sich ändern, abhängig von den Eigenschaften des Gegners“, erklärte er knapp.
Ein weiteres Thema beschäftigt die brasilianischen Fans besonders: Neymar. Der Rekordtorschütze der Seleção arbeitet weiterhin an seinem Comeback nach einer Verletzung an der rechten Wade. Seit seiner Nominierung für die Weltmeisterschaft konnte der Offensivstar noch kein Mannschaftstraining absolvieren.
Innerhalb des brasilianischen Lagers hofft man jedoch, dass der 34-Jährige im Laufe der Woche schrittweise ins Teamtraining zurückkehren kann. Seine Erfahrung, Kreativität und Führungsstärke könnten im weiteren Turnierverlauf eine wichtige Rolle spielen. Trotz des durchwachsenen Auftakts herrscht im brasilianischen Lager weiterhin Zuversicht. Die Geschichte der Weltmeisterschaften zeigt immer wieder, dass grosse Mannschaften nicht zwingend mit Glanzleistungen ins Turnier starten müssen.
Entscheidend ist die Entwicklung während der kommenden Wochen. Genau darauf setzt Carlo Ancelotti. Der Experte kennt die Mechanismen eines grossen Turniers wie kaum ein Zweiter und weiss: Für Brasilien zählt nicht der erste Abend einer Weltmeisterschaft, sondern die Chance, am Ende den begehrtesten Titel des Weltfussballs in den Händen zu halten.
