Als die brasilianische Nationalmannschaft im Dezember 2022 nach dem dramatischen Viertelfinal-Aus gegen Kroatien die Heimreise aus Katar antreten musste, schien für Neymar eines klar: Seine Geschichte bei Weltmeisterschaften war noch nicht zu Ende. Die Tränen auf dem Rasen von Al-Rayyan wirkten wie der Schmerz eines Spielers, der wusste, dass ihm die grösste Bühne des Fussballs noch einmal gehören sollte.

Vier Jahre lagen vor ihm. Genügend Zeit, um einen letzten Angriff auf den einzigen Titel zu starten, der in seiner aussergewöhnlichen Karriere noch fehlte. Doch der Weg zur Weltmeisterschaft 2026 entwickelte sich zu einem der schwierigsten Kapitel seines gesamten Fussballerlebens.
Über viele Jahre war Neymar in der Seleção eine Selbstverständlichkeit. Sein Name stand auf den Kaderlisten, lange bevor sie offiziell veröffentlicht wurden. Er war Gesicht, Hoffnungsträger und kreativer Mittelpunkt einer Fussballnation, die von ihren Idolen mehr verlangt als jedes andere Land der Welt.
Vor den Weltmeisterschaften 2014, 2018 und 2022 gab es keine Diskussionen über seine Teilnahme. Diesmal war alles anders. Zum ersten Mal musste der Superstar um seine WM kämpfen. Die Leidenszeit begann im Februar 2023. Eine schwere Verletzung am rechten Sprunggelenk setzte ihn für Monate ausser Gefecht. Die notwendige Operation und die anschliessende Rehabilitation schienen zunächst nur eine weitere Hürde zu sein, die ein Spieler seiner Klasse überwinden würde. Doch kaum war er zurück, folgte der nächste Rückschlag.
Im Oktober desselben Jahres erschütterte eine Szene in den südamerikanischen Qualifikationsspielen gegen Uruguay ganz Brasilien. Neymar ging mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden. Die Diagnose traf ihn hart: Kreuzbandriss im linken Knie. Wieder Operation. Wieder monatelange Reha. Wieder die quälende Ungewissheit, ob der eigene Körper jemals wieder so funktionieren würde wie zuvor.
Fast ein Jahr lang bestand sein Alltag aus Physiotherapie, Krafttraining und endlosen Stunden fernab der grossen Stadien. Für einen Spieler, der seine Karriere auf Spontaneität, Kreativität und Instinkt aufgebaut hatte, wurde Geduld plötzlich zur wichtigsten Tugend.
Doch selbst nach der Rückkehr liessen ihn die körperlichen Probleme nicht los. Mehrere Muskelverletzungen bremsten ihn immer wieder aus. Kaum hatte er Rhythmus gefunden, musste er erneut pausieren. Kaum schien der Weg frei, tauchte das nächste Hindernis auf. Besonders belastend war dabei nicht nur die Dauer der Ausfälle, sondern die ständige Unsicherheit darüber, ob die Belastbarkeit für eine weitere Weltmeisterschaft überhaupt noch ausreichen würde.
Hinzu kam eine Meniskusverletzung im linken Knie, die seine WM-Pläne erneut gefährdete. Viele Beobachter begannen offen zu fragen, ob Neymar den Anschluss an die internationale Spitze verloren habe. Kritiker wurden lauter, Zweifel grösser. Doch genau in dieser Phase zeigte sich eine Seite des Brasilianers, die oft unterschätzt wurde. Anstatt aufzugeben, arbeitete er sich Schritt für Schritt zurück. Beim FC Santos übernahm er Verantwortung, führte eine junge Mannschaft an, erzielte wichtige Tore und bereitete zahlreiche Treffer vor.
Seine technische Klasse war weiterhin sichtbar, doch noch wichtiger war seine Präsenz. Neymar wurde zum Symbol für Widerstandsfähigkeit in einer Karriere, die längst nicht nur aus spektakulären Dribblings und magischen Momenten bestand. Selbst eine weitere Wadenverletzung konnte ihn nicht stoppen. Wieder begann die Arbeit von vorne. Wieder musste er sich zurückkämpfen.
Als Carlo Ancelotti schliesslich seinen Kader für die Weltmeisterschaft 2026 bekanntgab und Neymars Namen aussprach, war dies weit mehr als eine gewöhnliche Nominierung. Es war die Belohnung für Jahre voller Schmerzen, Rückschläge und Selbstzweifel. Es war der Moment, in dem sich all die Stunden in Rehazentren, Fitnessräumen und medizinischen Einrichtungen ausgezahlt hatten.
Für Brasilien bedeutet seine Rückkehr mehr als nur die Verfügbarkeit eines erfahrenen Offensivspielers. Neymar reist als Rekordtorschütze der Seleção zur WM, als einer der grössten Fussballer der brasilianischen Geschichte und als letzter Vertreter jener Generation, die einst antrat, um die sechste Weltmeisterschaft für das Land des Fussballs zu gewinnen.
Mit über 130 Länderspielen und einer Karriere, die Stationen bei Santos, Barcelona, Paris und im Nahen Osten umfasste, bringt er einen Erfahrungsschatz mit, den kaum ein anderer Spieler im Turnier besitzt. Nun wartet in Miami der nächste Schritt. Mit 34 Jahren steht Neymar erneut auf der grössten Bühne des Weltfussballs. Vielleicht zum letzten Mal. Vielleicht ist dies tatsächlich sein letzter Auftritt im gelben Trikot der Seleção.
Doch unabhängig davon, wie dieses Turnier endet, hat er bereits einen bemerkenswerten Sieg errungen. Er hat seinen Körper besiegt. Er hat den Zweifel besiegt. Er hat die Rückschläge besiegt.
Und nun erhält er die Chance, jenes Kapitel zu schreiben, das ihm seit seiner Kindheit vorschwebt: als Weltmeister mit Brasilien den goldenen Pokal in den Nachthimmel zu stemmen und seine einzigartige Geschichte mit der Seleção mit dem grössten aller Triumphe zu vollenden.
