Die WM-Kurve zeigt nach oben: Brasiliens Weg zur Bestform

Was nach dem Auftakt gegen Marokko noch von Zweifeln und Unsicherheit geprägt war, hat sich innerhalb weniger Tage in eine Geschichte des Wachstums verwandelt. Die brasilianische Nationalmannschaft hat während dieser Weltmeisterschaft eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen.

0Vinícius entfacht das Samba-Feuer – Foto: Rafael Ribeiro/CBF

Aus einer Mannschaft, die bei ihrem ersten Auftritt kaum zu sich selbst fand, wurde ein Team mit klarer Struktur, gefestigten Führungsspielern und wachsendem Selbstvertrauen. Vor den K.-o.-Spielen entsteht der Eindruck, dass die Seleção genau zum richtigen Zeitpunkt ihre stärkste Form entdeckt.

Vier Jahre nach der Weltmeisterschaft in Katar präsentiert sich Brasilien mit einem völlig anderen Verlauf. Damals startete die Mannschaft von Tite überzeugend ins Turnier, setzte sich souverän gegen Serbien und die Schweiz durch, verlor jedoch ausgerechnet zum Abschluss der Gruppenphase an Schwung und unterlag Kamerun.

Auch wenn damals eine stark veränderte Formation auf dem Platz stand, hinterliess die Niederlage ein ungutes Gefühl kurz vor der entscheidenden Turnierphase. Diesmal verlief alles umgekehrt. Die Seleção begann schwach, steigerte sich jedoch von Spiel zu Spiel und wirkte mit jeder Partie gefestigter.

Das 1:1 gegen Marokko war ein deutliches Warnsignal. Über weite Strecken der ersten Halbzeit hatte Brasilien Mühe, dem Gegner Paroli zu bieten. Im Spielaufbau häuften sich die Fehler, Casemiro und Lucas Paquetá fanden keinen Zugriff im Mittelfeld, Ibañez wirkte angespannt und Igor Thiago blieb in der Offensive weitgehend wirkungslos.

Ohne die Inspiration von Vini Jr. und mehrere wichtige Rettungsaktionen der Defensive hätte das Resultat deutlich unangenehmer ausfallen können. Danilo brachte es nach dem Schlusspfiff treffend auf den Punkt: Das Ergebnis war letztlich besser als die gezeigte Leistung. Gerade in diesem schwierigen Moment begann Carlo Ancelotti jedoch, seiner Mannschaft ein neues Gesicht zu geben. Die Wechsel und taktischen Anpassungen während der Partie deuteten bereits jene Entwicklungen an, die in den folgenden Begegnungen immer klarer sichtbar wurden.

Gegen Haiti war der Fortschritt bereits unübersehbar. Brasilien spielte mit mehr Dynamik, höherer Intensität und wachsendem Selbstvertrauen. Vini Jr. übernahm erneut Verantwortung, während Matheus Cunha eindrucksvoll demonstrierte, dass er eine zentrale Rolle in Ancelottis Konzept einnehmen kann. Mit zwei Treffern gelang dem Angreifer sein persönlicher Durchbruch bei diesem Turnier.

Parallel dazu fanden Bruno Guimarães und Paquetá immer besser zueinander. Das Mittelfeld gewann an Harmonie und verlieh dem brasilianischen Spiel deutlich mehr Flüssigkeit. Zwar setzte Haiti die Seleção in der Schlussphase phasenweise unter Druck, doch der 3:0-Erfolg spiegelte die Entwicklung einer Mannschaft wider, die wesentlich organisierter und konkurrenzfähiger geworden war.

Den Höhepunkt dieser Entwicklung erlebte Brasilien schliesslich gegen Schottland. Unter dem Druck, den Gruppensieg sichern zu müssen, präsentierte sich die Mannschaft kontrolliert, reif und taktisch geschlossen. Es wirkte, als hätte Ancelotti endlich jene Formation gefunden, nach der er gesucht hatte.

Besonders auffällig war die Flexibilität in der Defensive. Aus einer klassischen Viererkette entstand im Spielaufbau regelmässig eine Dreierreihe, wodurch vor allem Danilo die Freiheit erhielt, offensiv Räume zu besetzen. Der Rechtsverteidiger zeigte eine seiner stärksten Leistungen des Turniers, stiess immer wieder bis zur Grundlinie vor und beteiligte sich aktiv an der Gestaltung der Angriffe.

Der grösste Fortschritt war jedoch im Mittelfeld zu erkennen. Ausgerechnet jener Mannschaftsteil, der gegen Marokko noch orientierungslos gewirkt hatte, entwickelte sich zu einer der grössten Stärken der Seleção. Ancelotti ordnete seine Spieler in einer Raute an, die deren Qualitäten optimal zur Geltung brachte.

Casemiro sichert vor der Abwehr ab, Bruno Guimarães bestimmt den Rhythmus, Paquetá verbindet die Mannschaftsteile und Matheus Cunha besetzt die offensive Spitze des Systems. Dort bewegt er sich intelligent zwischen den Linien, schafft Verbindungen und bringt zusätzliche Dynamik ins Angriffsspiel.

In der Offensive verkörpern Vini Jr. und Matheus Cunha die brasilianische Entwicklung wie kein anderes Duo. Der Star von Real Madrid hat die technische Führungsrolle übernommen und prägt das Offensivspiel mit seiner Kreativität und Unberechenbarkeit. Cunha ergänzt ihn perfekt mit seiner Beweglichkeit, seinem Instinkt im Strafraum und seinem taktischen Verständnis. Der eine reisst Räume auf, der andere nutzt sie konsequent.

Cunha beim Rasensurfen – Foto: Rafael Ribeiro/CBF

Und dann war da noch jener Moment, der dem brasilianischen Lager zusätzliche Hoffnung verlieh. Nach Monaten voller körperlicher Rückschläge kehrte Neymar auf die WM-Bühne zurück. Sein Kurzeinsatz von etwas mehr als zwanzig Minuten hatte weit grössere Bedeutung als die reine Spielzeit vermuten lässt.

Er brachte Emotionen, Begeisterung und neue Perspektiven. Auch wenn der Spielmacher noch nicht bei hundert Prozent angekommen ist, beginnt seine Suche nach Rhythmus genau in jener Phase, in der Turniere entschieden werden. Apropos Emotionen: Als Ancelotti als nicht Brasilianer die brasilianische Hymme mit der Mannschaft sang, waren viele Brasilianer sehr berührt. Der Italiener zeigte damit, wie sehr er sich bereits mit der Seleção identifiziert.

Brasilien beendet die Gruppenphase nicht als unumstrittener Topfavorit. Doch die Seleção reist mit Rückenwind in die K.-o.-Runde. Und gerade bei kurzen Turnieren ist es oft wertvoller, im richtigen Moment stärker zu werden, als zu Beginn zu glänzen und später nachzulassen. Die Mannschaft von Carlo Ancelotti scheint diese Lektion verstanden zu haben. Nun erhält sie die Gelegenheit, zu beweisen, dass ihr wahres Potenzial noch längst nicht vollständig sichtbar geworden ist.

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