Wenn Brasilien am Sonntag in New Jersey gegen Norwegen um den Einzug ins Viertelfinale kämpft, steht offiziell nur ein Achtelfinale auf dem Programm. Doch für die Seleção geht es um deutlich mehr. Die Mannschaft von Carlo Ancelotti will nicht nur den nächsten Schritt Richtung Hexa machen, sondern endlich eine Last abschütteln, die den brasilianischen Fussball seit mehr als zwei Jahrzehnten begleitet.

Der direkte Vergleich mit Norwegen wird dabei zwar häufig erwähnt. Tatsächlich wartet Brasilien nach vier Begegnungen noch immer auf den ersten Sieg gegen die Skandinavier. Zwei Niederlagen und zwei Unentschieden stehen in der Bilanz. Für Douglas Santos ist diese Statistik jedoch vor allem zusätzliche Motivation. Die aktuelle Generation will das Kapitel schliessen und eine Geschichte beenden, die sich über mehrere Jahrzehnte gezogen hat.
Noch grösser als der Norwegen-Fluch ist jedoch ein anderer Schatten, der über der Seleção liegt. Seit dem Gewinn des fünften Weltmeistertitels 2002 hat Brasilien kein einziges K.-o.-Duell bei einer Weltmeisterschaft mehr gegen eine europäische Mannschaft gewonnen. Eine erstaunliche Serie für die erfolgreichste Fussballnation der Welt. Fünf Weltmeisterschaften sind vergangen, fünfmal endete der Traum vom Titel gegen einen Gegner aus Europa.
Der letzte Erfolg liegt bereits 24 Jahre zurück. Im Final von Yokohama besiegte Brasilien Deutschland mit 2:0. Ronaldo erzielte beide Treffer und schrieb eines der grossen Kapitel der WM-Geschichte. Niemand konnte damals ahnen, dass dies für lange Zeit der letzte brasilianische Sieg in einem WM-K.-o.-Spiel gegen eine europäische Mannschaft bleiben würde.
Vier Jahre später kam die erste Enttäuschung. Bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland traf die Seleção im Viertelfinale auf Frankreich. Die Erinnerung an die Finalniederlage von 1998 war allgegenwärtig. Doch erneut war es Zinedine Zidane, der dem Spiel seinen Stempel aufdrückte. Nach einer seiner präzisen Vorlagen traf Thierry Henry zum entscheidenden 1:0. Die Titelverteidiger mussten die Heimreise antreten.
2010 in Südafrika schien Brasilien lange auf Kurs. Gegen die Niederlande dominierte die Mannschaft von Dunga die erste Halbzeit, Robinho brachte die Seleção früh in Führung. Doch nach der Pause folgte der Kollaps. Wesley Sneijder drehte die Partie, Felipe Melo sah die Rote Karte und Brasilien verlor mit 1:2.
Noch tiefer sitzt die Erinnerung an 2014. Die Heim-Weltmeisterschaft sollte das grosse Fest des brasilianischen Fussballs werden. Stattdessen wurde sie zur schmerzhaftesten Erfahrung einer ganzen Generation. Im Halbfinale von Belo Horizonte zerlegte Deutschland die Gastgeber mit 7:1. Thomas Müller, Miroslav Klose, Toni Kroos, Sami Khedira und André Schürrle trafen gegen eine völlig überforderte Seleção. Oscar gelang lediglich der Ehrentreffer. Bis heute gilt dieses Spiel als die grösste sportliche Narbe der modernen brasilianischen Fussballgeschichte.
Vier Jahre später wartete in Russland mit Belgien der nächste europäische Gegner. Wieder war im Viertelfinale Endstation. Ein Eigentor von Fernandinho und ein Treffer von Romelu Lukaku brachten Brasilien früh in Schwierigkeiten. Renato Augusto verkürzte zwar, doch die Aufholjagd blieb unvollendet.
Die jüngste Wunde stammt aus Katar. Im Viertelfinale gegen Kroatien schien Neymar Brasilien mit seinem Treffer in der Verlängerung bereits ins Halbfinale geschossen zu haben. Die Spieler standen kurz vor dem Jubel, die Fans vor den Bildschirmen träumten bereits vom sechsten Stern. Doch dann traf Bruno Petkovic vier Minuten vor Schluss zum Ausgleich. Im Penaltyschiessen setzte sich Kroatien durch. Als Marquinhos den entscheidenden Versuch an den Pfosten setzte, zerplatzte erneut der Traum vom Titel.
Viele Akteure des heutigen Kaders haben diese Rückschläge selbst erlebt. Marquinhos, Neymar, Casemiro und weitere Führungsspieler tragen die Erinnerungen an diese Abende noch immer in sich. Auch deshalb wird das Thema innerhalb der Mannschaft nicht verdrängt. Matheus Cunha gab offen zu, dass die vergangenen Ausscheidungen durchaus ein Gesprächsthema sind. Nicht aus Angst vor dem Gegner, sondern weil niemand diesen Schmerz erneut erleben möchte.
Für Carlo Ancelotti bietet sich nun die Gelegenheit, genau jene mentale Hürde zu überwinden, an der seine Vorgänger gescheitert sind. Der Italiener weiss, dass Weltmeisterschaften oft weniger durch spektakuläre Siege als durch das Überwinden alter Zweifel entschieden werden. Die Begegnung gegen Norwegen könnte deshalb weit mehr sein als ein gewöhnliches Achtelfinale.
Sie könnte zum Wendepunkt werden. Zu jenem Spiel, in dem Brasilien nicht nur einen Gegner besiegt, sondern endlich einen Fluch beendet, der die Seleção seit dem Triumph von Yokohama verfolgt. Denn wer Weltmeister werden will, muss früher oder später Europa schlagen. Genau diese Chance bietet sich nun Vinicius Junior, Neymar, Raphinha, Casemiro, Endrick, Marquinhos, Douglas Santos, Matheus Cunha und ihren Teamkollegen.
