Vor einem grossen Turnier werden Statistiken oft belächelt. Nach einem grossen Turnier werden sie plötzlich ernst genommen. Im brasilianischen Fussball gibt es seit Jahrzehnten eine Besonderheit, die selbst hartgesottene Statistiker staunen lässt. Immer wieder scheitern Nationalmannschaften, die Brasilien bei einer Weltmeisterschaft aus dem Wettbewerb werfen, bei der darauffolgenden WM überraschend früh. Für viele Fans hat dieses Muster längst einen Namen erhalten: der Fluch Brasiliens.

Natürlich entscheidet nicht das Schicksal über den Ausgang eines Fussballspiels. Taktik, Qualität, Mentalität und die Tagesform sind die wahren Faktoren auf dem Platz. Dennoch zieht sich diese auffällige Serie seit fast vier Jahrzehnten durch die Geschichte der Weltmeisterschaften und lässt sich kaum ignorieren.
Der Ursprung reicht bis zur WM 1986 in Mexiko zurück. Damals scheiterte die Seleção im Viertelfinale dramatisch an Frankreich im Elfmeterschiessen. Vier Jahre später folgte für die Franzosen die Ernüchterung. Sie verpassten sogar die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1990 in Italien und konnten ihren Erfolg gegen Brasilien nicht bestätigen.
Bei der WM 1990 traf Brasilien im Achtelfinale auf Argentinien. Obwohl die Seleção über weite Strecken dominierte, genügte Diego Maradona ein genialer Moment, um Claudio Caniggia den entscheidenden Treffer vorzubereiten. Argentinien zog weiter, verlor aber vier Jahre später bei der WM 1994 bereits im Achtelfinale gegen Rumänien, während Brasilien den lang ersehnten vierten Weltmeistertitel gewann.
1998 folgte einer der schmerzhaftesten Momente der brasilianischen Fussballgeschichte. Frankreich besiegte Brasilien im Endspiel von Paris mit 3:0. Doch auch die Équipe Tricolore blieb vom vermeintlichen Fluch nicht verschont. Als Titelverteidiger schied sie bei der WM 2002 bereits in der Gruppenphase aus, während Brasilien mit Ronaldo den fünften Stern auf das Trikot setzte.
Vier Jahre später, bei der WM 2006 in Deutschland, war erneut Frankreich der Endgegner. Zinédine Zidane führte seine Mannschaft zum Viertelfinalsieg gegen Brasilien und später bis ins Endspiel. Doch bei der folgenden Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 war für die Franzosen bereits nach der Vorrunde Schluss. Eine Mannschaft voller interner Konflikte zerbrach früh und enttäuschte auf ganzer Linie.
Auch Deutschland blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Der historische 7:1-Erfolg im Halbfinale der Heim-WM 2014 und der anschliessende Titelgewinn machten die DFB-Elf scheinbar unantastbar. Vier Jahre später folgte jedoch einer der grössten Rückschläge der deutschen Fussballgeschichte. Als Titelverteidiger schied Deutschland bei der WM 2018 bereits in der Gruppenphase aus.
Belgien setzte die Serie fort. Die “Goldene Generation” eliminierte Brasilien im Viertelfinale der WM 2018 in Russland und träumte vom grossen Triumph. Doch bei der nächsten Weltmeisterschaft in Katar war der Traum schnell beendet. Die Belgier überstanden die Gruppenphase nicht und verabschiedeten sich enttäuschend früh.
Dasselbe Schicksal ereilte Kroatien. Nach dem dramatischen Elfmetersieg gegen die Mannschaft von Tite im Viertelfinale der WM 2022 erreichten die Kroaten nochmals das Halbfinale. Vier Jahre später in Nordamerika war jedoch bereits in der ersten K.-o.-Runde Endstation. Portugal gewann mit 2:1 und beendete den kroatischen Traum frühzeitig.
Es gibt allerdings eine bemerkenswerte Ausnahme. Die Niederlande durchbrachen dieses Muster zumindest teilweise. Nach dem 2:1-Erfolg gegen Brasilien im Viertelfinale der WM 2010 erreichten sie zunächst den Final gegen Spanien. Auch vier Jahre später spielten die Oranje erneut um die Medaillen und standen im Halbfinale, ehe sie erst im Elfmeterschiessen gegen Argentinien ausschieden. Bis heute bleiben sie die einzige Mannschaft, die sich dem sogenannten Brasilien-Fluch weitgehend entziehen konnte.
Nun richtet sich der Blick bereits auf die Zukunft. Bei der Weltmeisterschaft 2026 war es Norwegen, das die Seleção von Carlo Ancelotti im Achtelfinale aus dem Turnier warf. Die Skandinavier feierten einen historischen Erfolg und schrieben ein neues Kapitel ihrer Fussballgeschichte.
Ob sich die auffällige Serie auch 2030 fortsetzt oder Norwegen den vermeintlichen Fluch endgültig beendet, wird erst die nächste Weltmeisterschaft zeigen. Bis dahin bleibt diese Statistik eine der faszinierendsten und kuriosesten Geschichten des internationalen Fussballs. Für die brasilianischen Fans ist sie jedenfalls weit mehr als eine Zahlenreihe. Sie ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass der Fussball manchmal doch über eine ganz eigene Form von Gerechtigkeit verfügt.
