Als Amazonien bezeichnet man die gewaltige Tiefebene, die vom Amazonas und seinen über zweihundert Nebenflüssen bewässert wird. Der Amazonas, oft als «Vater aller Ströme» bezeichnet, entspringt am Fuss der Anden im Westen Südamerikas und mündet im Osten, nahe der brasilianischen Hauptstadt des Bundesstaates Pará, in den Atlantischen Ozean.

Diese Ebene erstreckt sich über fast fünfzig Prozent des südamerikanischen Subkontinents und bildet das grösste hydrographische Becken unseres Planeten. Der überwiegende Teil ist von tropischem Regenwald bedeckt, einem der komplexesten und artenreichsten Ökosysteme der Erde.
Im Norden grenzt Amazonien an die Orinoco-Ebene. Beide Regionen sind durch das Hochland von Guyana voneinander getrennt und nur über einen natürlichen Wasserweg miteinander verbunden, den Casiquiare-Kanal. Dieser mündet in den Rio Negro, den grössten Nebenfluss des Amazonas, der sich bei Manaus mit dem Hauptstrom vereint. Südlich des Amazonas schliessen sich die Einzugsgebiete von Rio Paraguay und Rio Paraná an, die ihr Wasser weiter südlich in den Atlantik leiten.
Spricht man über das brasilianische Amazonien, begegnen einem zwei unterschiedliche Begriffe. Zum einen das Biom Amazonien, eine ökologische Definition, die den Regenwald und die mit ihm verbundenen Ökosysteme umfasst. Zum anderen die sogenannte «Amazônia Legal», das gesetzliche Amazonien. Dabei handelt es sich um eine politisch-administrative Region Brasiliens, die die Bundesstaaten Amazonas, Pará, Roraima, Amapá, Acre, Rondônia und Tocantins sowie Mato Grosso und rund die Hälfte von Maranhão einschliesst.
Geografisch wird Gesamt-Amazonien häufig durch ein Städtedreieck begrenzt: La Paz im Südwesten, Quito im Nordwesten und Belém im Osten. Tatsächlich erstreckt sich die Region jedoch über Teile von neun Ländern: Brasilien mit dem grössten Anteil, Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Guyana, Suriname und Französisch-Guayana. Mit einer Fläche von rund 6,6 Millionen Quadratkilometern bedeckt Amazonien etwa fünf Prozent der gesamten Erdoberfläche.

Allein diese Zahl verdeutlicht die globale Bedeutung dieser Region. Die Superlative Amazoniens sind zahlreich. Sie betreffen nicht nur die geologische Entstehung und die geografischen Dimensionen, sondern auch die kulturhistorische Entwicklung, die komplexen ökologischen Wechselwirkungen sowie die aussergewöhnliche Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten. Vieles davon ist bis heute nur teilweise erforscht.
Der Amazonas-Strom
Der Amazonas ist gemessen am Wasservolumen der grösste Strom der Erde. Seine heutige Form begann sich vor rund 11,8 Millionen Jahren zu entwickeln. Das Wissen über seine Entstehung stützt sich auf paläontologische Untersuchungen von Fossilien und Pollen sowie auf sedimentologische Analysen von Gesteinsproben, die an der Mündung des Flusses im Atlantik gewonnen wurden.
Vor dieser Zeit existierte im Osten der heutigen Amazonasregion lediglich ein vergleichsweise kleiner Fluss. Diese Phase wird von Geologen dem mittleren Miozän zugeordnet, einer Epoche, in der es den Menschen noch nicht gab. Der westliche Teil der Region, wo sich heute unter anderem Peru, Kolumbien und der brasilianische Bundesstaat Acre befinden, war hingegen von ausgedehnten Sumpf- und Seenlandschaften geprägt.
Zwischen diesen beiden Gebieten lag ein leicht erhöhtes Terrain westlich des heutigen Manaus. Dieses natürliche Hindernis verhinderte zunächst den freien Abfluss der westlichen Wassermassen nach Osten. Erst als sich vor rund 11,8 Millionen Jahren zwei entscheidende Prozesse überlagerten, änderte sich die Situation grundlegend. Der Meeresspiegel sank infolge der zunehmenden Vereisung der Antarktis um etwa 120 Meter, während sich gleichzeitig die Anden stark anhoben und nahezu ihre heutige Höhe erreichten.
Diese Entwicklungen führten dazu, dass sich die westlichen Seen mit dem östlichen Flusssystem verbanden. Der Amazonas wurde zu einem transkontinentalen Strom, der nun ungehindert vom Inneren Südamerikas bis zum Atlantik fliessen konnte. In seiner frühen Phase war sein Lauf noch stark gewunden und von zahlreichen Seen begleitet. Die mitgeführten Sedimente lagerten sich überwiegend auf dem Kontinent ab.
Mit der weiteren Hebung der Anden nahm die Sedimentfracht stetig zu.
Immer grössere Mengen wurden bis in den Ozean transportiert, wodurch viele der früheren Seen allmählich vom Hauptstrom abgeschnitten wurden. Vor etwa 2,4 Millionen Jahren erreichte der Amazonas schliesslich seine heutige, erwachsene Phase und entwickelte sich zu dem mächtigen Strom, den wir heute kennen.
Aktuelle Berechnungen des Petrobras-Forschungsprojekts «Piatam» zeigen, dass der Amazonas jährlich rund 6,3 Trillionen Kubikmeter Wasser in den Atlantik leitet. Das entspricht etwa 16 Prozent des weltweiten Süsswassers, das über Flüsse ins Meer gelangt. Zusätzlich transportiert er rund 1,2 Milliarden Tonnen Sedimente pro Jahr. Diese enorme Materialmenge führt dazu, dass sich die Mündungsregion langfristig absenkt, während andere Küstenabschnitte weiter nördlich an Land gewinnen.
Brasilianische Forschungsergebnisse widersprechen zudem der Hypothese, der Amazonas habe vor rund fünf Millionen Jahren zeitweise in entgegengesetzter Richtung geflossen. Nach heutigem Kenntnisstand verlief seine Entwicklung kontinuierlich von West nach Ost.
20 interessante Fakten und Ansichten zu Amazonien
Amazonien ist ein ökologischer Gigant. Viele seiner Geheimnisse sind bis heute unerforscht, zahlreiche Tier- und Pflanzenarten noch nicht beschrieben. Manche könnten sogar verschwinden, bevor sie jemals wissenschaftlich erfasst werden. Die folgenden Fakten bieten einen Einblick in die Dimensionen und Besonderheiten dieser einzigartigen Region. Die Reihenfolge ist zufällig gewählt und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

- 01. Das kontinentale Amazonien ist die letzte grosse zusammenhängende Fläche tropischen Regenwaldes auf der Erde.
- 02. Mehr als 60 Prozent des weltweit verbliebenen tropischen Regenwaldes befinden sich in Amazonien.
- 03. Rund achtzig Länder verfügen über tropischen Regenwald. Brasilien allein beherbergt etwa ein Drittel der noch existierenden Regenwaldflächen.
- 04. Das Amazonasbecken leitet rund ein Fünftel des gesamten Flusswassers der Erde ins Meer. Der Amazonas besitzt über 7.000 Zuflüsse und etwa 25.000 Kilometer schiffbare Wasserwege. Seine Länge von rund 6.868 Kilometern entspricht in etwa der Strecke von Berlin nach New York.
- 05. Das Amazonasbecken bedeckt rund 3,89 Millionen Quadratkilometer des brasilianischen Staatsgebiets, was etwa 45 Prozent der Landesfläche entspricht.
- 06. Amazonien weist die höchste Biodiversität der Erde auf. Etwa ein Viertel aller bekannten Pflanzen- und Tierarten lebt hier, darunter mehr als 50.000 Pflanzenarten, rund 300 Säugetierarten, 300 Reptilienarten und über 1.300 Vogelarten.
- 07. Schätzungen zufolge könnten die Regenwälder der Erde bis zu 30 Millionen Insektenarten beherbergen, ein grosser Teil davon in Amazonien.
- 08. Die jährliche Niederschlagsmenge im Amazonasbecken beträgt rund 15 Trilliarden Kubikmeter Wasser. Ein grosser Teil davon verdunstet oder wird direkt von der Vegetation wieder aufgenommen und trägt so zur regionalen und globalen Klimaregulierung bei.
- 09. In Amazonien leben etwa 17 Millionen Menschen. Die Bevölkerungsdichte liegt bei rund 3,4 Einwohnern pro Quadratkilometer. Etwa 62 Prozent der Bevölkerung wohnen in Städten wie Manaus, der Rest in ländlichen und oft schwer zugänglichen Gebieten.
- 10. Die Region ist seit Jahrtausenden besiedelt. Archäologische Funde belegen menschliche Aktivitäten, darunter Keramik, die auf ein Alter von bis zu 12.000 Jahren datiert wird.
- 11. Unter den parasitären Krankheiten stellt Malaria nach wie vor eine der grössten gesundheitlichen Herausforderungen für die lokale Bevölkerung dar.
- 12. Rund 78 Prozent der sogenannten Terra-firme-Böden sind von Natur aus nährstoffarm. Intensive Landwirtschaft ist daher nur begrenzt möglich. Mehrere staatliche Ansiedlungsprojekte für Kleinbauern scheiterten in der Vergangenheit an diesen Bedingungen.
- 13. Schätzungen zufolge wurden bisher etwa 500.000 Quadratkilometer Regenwald gerodet, rund 12,5 Prozent der ursprünglichen Fläche. In den 1980er-Jahren erreichte die Abholzung im Bundesstaat Rondônia zeitweise das Ausmass von 35 Quadratkilometern pro Tag.
- 14. Die Netto-Sauerstoffproduktion des Regenwaldes ist vergleichsweise gering, da fast der gesamte produzierte Sauerstoff wieder verbraucht wird. Gleichzeitig bindet der Wald grosse Mengen Kohlendioxid und wirkt damit als bedeutender CO₂-Speicher.
- 15. In vielen Flüssen des Amazonasgebiets schwankt der Wasserstand zwischen Trocken- und Regenzeit um mehrere Meter, teilweise entsprechend der Höhe eines achtstöckigen Gebäudes.
- 16. Die Flüsse Amazoniens beherbergen die weltweit grösste Vielfalt an Fischarten. Rund 1.500 Arten sind wissenschaftlich beschrieben, vermutlich existieren mindestens doppelt so viele.
- 17. Die vom Amazonas ins Meer transportierten Sedimente führen dazu, dass sich die Küstenlinie im Norden Brasiliens und in Französisch-Guayana messbar nach aussen verschiebt.
- 18. Während sich die eingewanderte Bevölkerung Brasiliens in den letzten 500 Jahren stark vermehrt hat, ist die indigene Bevölkerung drastisch zurückgegangen. Heute leben rund 430.000 indigene Menschen mit etwa 170 unterschiedlichen Sprachen im Land.
- 19. Naturkautschuk war historisch die wichtigste Einnahmequelle Amazoniens. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag das Pro-Kopf-Einkommen in Städten wie Manaus zeitweise über dem der wohlhabenden Kaffeeanbaugebiete im Südosten Brasiliens.
- 20. Der klimatische Nutzen des Amazonas-Regenwaldes wird auf mindestens eine Trillion US-Dollar geschätzt. Ohne ihn wären die Kosten zur Abschwächung der globalen Erwärmung um ein Vielfaches höher.
