Pandemie zwingt das Volk der Xavante zu hungern

Zuletzt bearbeitet: 8. März 2021

Um das Schlimmste zu verhindern, beschloss die Chefin des Dorfes Paranoá – Rewanhiré –sich in die Stadt Barra do Garças, im östlichen Mato Grosso, zu begeben, um dort um Spenden zu bitten. Mit ihren 93 Jahren kämpfte die alte Frau darum, die sieben Familien des Xavante-Volkes in ihrem Gebiet mit Lebensmitteln zu versorgen, die seit Beginn der Pandemie unter einem chronischen Problem leiden: dem Mangel an Lebensmitteln.

Oma aus dem Volk der Xavante – Foto: Elza Fiúza/AgenciaBrasil

Am 29. Dezember erhielt sie sechs Grundnahrungsmittelkörbe von der Zentrale der Nationalen Indianerstiftung (FUNAI) in dieser Gemeinde. Aber an diesem Tag hatte Rewanhiré dann kein Geld mehr, um heimzukehren. So auch die FUNAI, die nicht über die Mittel verfügte, vier im Hof geparkte LKWs ohne Treibstoff zu betanken. Und selbst wenn sie es gekonnt hätten, gab es kein Personal, das die Fahrzeuge fahren konnte. Die “Cacica“ (Chefin) musste also noch zwei Wochen warten, bis sie einen Fahrer bekam, der sie zurück zu ihrem Volk brachte.

Fotoreporter José Medeiros, ein Sondergesandter von “Amazônia Real” in Barra do Garças, mit allen Sicherheitsvorschriften, die aufgrund der neuen Coronavirus-Pandemie erforderlich sind und vom Volk der Xavante genehmigt wurden, begleitete die Reise von Rewanhiré auf der Suche nach Lebensmitteln.

Rewanhiré ist die Schwester von Mário Juruna – einem historischen Xavante-Führer, der als “Indio mit dem Tonbandgerät” die Lügen der Politiker in Brasília bloßstellte – er war der erste indigene Bundesabgeordnete, der frei von der Leber weg die Korruption der Politiker anprangerte, sogar der Präsident wurde nicht verschont! Nachdem man ihn schließlich aus dem Dienst entlassen hatte, starb Mário Juruna am 17. Juli 2002, im Alter von 62 Jahren, an seiner chronischen Diabetes.

Immer wenn Rewanhiré in die Stadt geht, muss sie im Haus einer Tochter übernachten. Deren Wohnung ist weit vom Zentrum entfernt, wo sich die regionale Koordination der Funai befindet. Dadurch ist sie gezwungen, mindestens eine halbe Stunde zu laufen, um die Agentur zu erreichen. „Ich bin krank, müde und habe Durchfall. Es ist schwierig für mich, jeden Tag zur Funai gehen zu müssen“, sagte sie.

Nach dem Bericht von Rewanhiré über die dramatische Situation ihres Dorfes, spendeten Mitglieder der SOS-Xavante-Aktion und der Hilfe des Reiseleiters Maurinho Xavante, weitere fünf Körbe mit Grundnahrungsmitteln. Touristen, welche die Serra do Roncador besuchten, und der Koordinator der Nationalen Landkampfbewegung (MLT), Batista da Silva Pereira, waren ebenfalls beteiligt. Pereira spendete 400 Kilo Maniok sowie Maniokableger, die in der Siedlung Wilmar Peres in der Region Barra do Garças angebaut werden. Die Touristen beteiligten sich ihrerseits mit einer finanziellen Hilfe für den Kauf von mehr Lebensmitteln.

Die Journalistin Ana Paula Xavante, eine der Koordinatorinnen von SOS-Xavante, erklärt, dass die Nachfrage der ethnischen Gruppe nach Lebensmitteln eine echte Notwendigkeit ist. Seit Beginn der neuen Coronavirus-Pandemie hat diese Organisation ein Netzwerk zur Unterstützung geschaffen, um Lebensmittel an verschiedene indigene Gemeinden spenden zu können. „Wir haben Dörfer, die tatsächlich hungern müssen“, erklärt sie. „Der Kampf um Nahrung ist ein langjähriges Problem, das sich mit der Pandemie nur noch verschlimmert hat.“ Die Aktion SOS-Xavante hat seit Beginn der Gesundheitskrise bereits mehr als 3.000 Lebensmittelkörbe gespendet.

“Es sind die Kinder, die am meisten leiden“

Von den 80 Indigenen, die in dem Dorf Paranoá leben, sind etwa 20 Kinder und Jugendliche. Da sie keine Möglichkeit mehr haben, auf ihrem eigenen Land zu produzieren und mit einer öffentlichen Politik konfrontiert werden, die keine Ernährungssicherheit garantiert, ist die indigene Bevölkerung von Spenden für Grundnahrungsmittel abhängig geworden. Und selbst wenn die ankommen, können sie nicht alle Dörfer erreichen. Manchmal ist der Hunger so groß, dass sie nicht einmal eine Woche durchhalten. Zwischen Hungertod oder Verseuchung durch Covid-19 haben die Menschen den Weg in die Stadt riskiert. Die Verzweiflung spiegelt sich in den Augen der Kleinen wider.

Familien des Volkes der Xavante – Foto: Elza Fiúza/AgenciaBrasil

„Denn es sind die Kinder, die am meisten unter dem Hunger leiden“, sagt Professor Bonifacio Ubnatsewawe Tsirobowe. Er sagt, dass Reis, Bohnen, Öl und Mehl in der Gemeinde seit Juni knapp sind und die Situation bis heute anhält, immer noch in einem Szenario großer Sorge und Unsicherheit angesichts einer wahrscheinlichen zweiten Welle von Covid-19 und der fehlenden Planung der Bundesregierung, die indigene Bevölkerung zu impfen.

Die Gemeinde, in der Prof. Bonifácio lebt, liegt in der Nähe von Serra do Roncador, einem der bedeutendsten Touristenorte in Mato Grosso. Der Ort befindet sich in einem Vegetationsstreifen, der sich aus Amazonaswald und Cerrado zusammensetzt. Paranoá ist eines der 58 Dörfer der São Marcos TI (Indigenes Territorium) und liegt weit ab von den anderen. Es grenzt an eine Reihe von Rinderfarmen und Eukalyptus-Plantagen.

Dieser Standort benachteiligt die Gemeinde, die über kein Internetsignal verfügt. Die Bewohner müssen mindestens 10 Kilometer bis zum nächsten Hoftor zurücklegen, um ein Signal zu erhalten und mit der Stadt kommunizieren zu können, sei es auf der Suche nach Lebensmitteln oder wegen gesundheitlicher Notfälle. Die Pandemie hat die große Lücke aufgedeckt, die im Netz des Schutzes für indigene Völker besteht, der durch die Funai gewährleistet werden sollte. Deshalb sagte die Cacica, bevor sie in ihr Dorf zurückkehrte, in ihrem Bericht, dass die Funai „sehr wenig hilft und immer zu langsam war, um zu helfen.

In dem Dorf Paranoá erhalten nur wenige Menschen ein Gehalt. Es gibt zwei Lehrer und drei einheimische Gesundheitsbeauftragte. Andere sind auf irgendeine Art von Unterstützung durch die Bundesregierung angewiesen oder sind im Ruhestand. Einmal im Monat legen einige dieser Menschen ihren Verdienst zusammen und fahren unter großen Schwierigkeiten in die Stadt, um Lebensmittel zu kaufen.

Die Ausbeutung des Xavante-Volkes

„Alles ist schlimmer geworden und nur noch teurer, seit die Pandemie da ist“, sagt Professor Bonifácio. Von seinem Dorf bis nach Barra do Garças, wo sich die Regionalkoordination (CR) Xavante der Funai von Mato Grosso befindet, sind es etwa 200 Kilometer. Um dorthin zu gelangen, sind die Bewohner von Paranoá auf Frachttransporte angewiesen, eine Transportleistung, die für die Indios ohnehin schon teuer war und in den letzten Monaten noch teurer geworden ist: „Die Fracht, um in die Stadt zu fahren, ist sehr teuer, ebenso die Lebensmittel. Unser Geld ist nicht gut. Was wir an Lebensmitteln kaufen, reicht nicht für einen Monat, sondern höchstens für 20 Tage“, sorgt sich Bonifácio.

Eine Hin- und Rückfahrt vom Dorf Paranoá nach Barra do Garças kostet manchmal bis zu 1.000 Reais (rund 162.00 CHF). Dies kommt vor, wenn ein Einheimischer eine Person mitnehmen muss, um z. B. beim Transport von Lebensmitteln zu helfen. Jede „Fahrt“, wie die Fahrer sie nennen, wird mit 150 R$ (rund 25.00 CHF) extra berechnet. „Das ist ein Witz, ein Mangel an Respekt, mit dem sie uns verhöhnen“, kritisiert Bonifácio, der einen Mindestlohn (1.100 R$) verdient, um in seinem Dorf die Grundschule zu unterrichten.

In der Zwischenzeit versuchen diejenigen, die in der Gemeinde geblieben sind, so gut wie möglich zurechtzukommen. Sanção Xavante versucht, die alte Jagdtradition an seinen Sohn Wanderlei Xavante weiterzugeben. So kam es, dass sie auf dem Rückweg von einem Bauernhof, zu dem die beiden auch gingen, um nach Spenden zu fragen, eine Seriema erlegten (Laufvogel, etwa so groß wie ein Storch). An diesem Tag konnten sie Seriema und etwas Reis essen – das war die Mahlzeit für Sançãos Familie, die aus zwei Erwachsenen, vier Kleinkindern und zwei Teenagern besteht.

Tod durch Verdacht auf Covid-19

Seit der Pandemie wurde der Mangel an Kommunikation zu einem noch größeren Problem in Paranoá. Im Juni 2020 starb der Indigene João Bosco Tomotsudzarebe, 41, an dem Verdacht auf Covid-19, ohne dass die Gemeinde ihn rechtzeitig aus dem Dorf holen konnte. Es war nicht möglich, schnell mit dem speziellen indigenen Gesundheitsbezirk (Dsei) Xavante Kontakt aufzunehmen. Als es João Bosco schlechter ging und er große Atemnot verspürte, beschlossen Bonifácio und andere Indios, zum Tor der Farm zu laufen. Auf diese Weise hätten sie Zugang zum Internet und könnten die Dsei kontaktieren. Der Kontakt wurde hergestellt, aber als sie zurückkehrten, war Bosco bereits gestorben. Insgesamt waren es sechs Stunden Fußmarsch, die vergeblich waren.

Mit 22.256 Einwohnern in Mato Grosso sind die Xavante, die sich selbst als A’uwe („Volk“) bezeichnen und zur Sprachfamilie “Jê” gehören, die am stärksten von dem neuen Coronavirus in Brasilien betroffene ethnische Gruppe. Nach Angaben des Verbandes der indigenen Völker Brasiliens (Apib) sind 68 Xavante an Covid-19 gestorben, wie aus einem am 22. Januar 2021 veröffentlichten Update der Fälle hervorgeht. Das Sondersekretariat für indigene Gesundheit (Sesai) berichtet von 49 Todesfällen und 908 Infektionen. Mato Grosso do Sul ist der zweite brasilianische Bundesstaat mit den meisten einheimischen Todesfällen aufgrund der Pandemie: 152 am 22. Januar. Es ist die zweitgrößte Region nach Amazonas, mit 35 Todesfällen. Apib zählt mehr als 49.140 bestätigte Fälle der Krankheit bei 162 indigenen Völkern und 970 Todesfälle.

„Wir wollen essen, was wir anpflanzen”

Der Lehrer der Xavante betont, dass die Bewohner des Dorfes Paranoá „Möglichkeiten, landwirtschaftliche Inputs, Strukturen für die Bepflanzung, Saatgut für die Bepflanzung und Schulungen für die Bewirtschaftung des Landes“ brauchen. „Wir wollen essen, was wir anpflanzen“, resümiert Bonifácio Ubnatsewawe Tsirobowe.

Félix Tsiwetsudu Tseredze, Vizepräsident der “Xavante Warã Association”, betonte, dass die Xavante nur dann eine konkrete Ernährungssicherheit erreichen werden, wenn sie von der Regierung unterstützt und im Landmanagement geschult werden. Félix ist der Cousin ersten Grades der Cacica Rewanhiré und lebt im Dorf Nossa Senhora de Guadalupe, das ebenfalls in der São Marcos TI liegt. Er ist einer der wenigen Xavante mit Hochschulbildung, denn er hat an der Universität von Brasilia (UNB) einen Abschluss in Nationaler Politik für Territorial- und Umweltmanagement gemacht. Es waren die Studien und die Ratschläge seines Vaters, des großen historischen Anführers der Xavante, Apoena Tseredze Aptsire, die ihm das Wissen um die Ernährungssicherheit vermittelten, so dass er und seine Familie nicht nur auf Spenden von indigenen Einrichtungen angewiesen sind.

Derzeit entwickelt Félix ein Hühneraufzuchtprojekt in seiner Gemeinde, das von der Funai genehmigt wurde. Die Funai wird das Projekt mit Betriebsmitteln und Ressourcen für den Bau der Struktur finanzieren, in der die Tiere untergebracht werden sollen. Der Rewanhiré -Gemeinschaft und anderen Xavante-Gruppen, die in neun indigenen Gebieten des östlichen Mato Grosso leben, fehlt dieses Wissen.

„Es ist die Ausbildung im Management, in der Landbewirtschaftung, in der Projektvorbereitung, welche die Nachhaltigkeit der Familien garantieren werden. Die Funai und die Regierung müssen die indigene Bevölkerung mit öffentlichen Maßnahmen in dieser Hinsicht unterstützen, damit wir nicht nur auf Spenden angewiesen sind. Die sind natürlich wichtig, aber sie lösen das Problem nicht. Nach dem Ende der Spenden geht das Problem weiter“, erklärte er.

Da sie weit von den anderen Dörfern von São Marcos entfernt sind, leiden die Familien von Paranoá noch mehr unter dem Fehlen der Lebensmittel. Ein weiteres ernsthaftes Problem, so der Anführer, sind die sozialen Auswirkungen, die von nicht-indigenen Menschen auf die Kultur, die Bräuche und die Lebensphilosophie der Xavante verursacht werden, die ihrer Tradition gemäß ein Volk sind, das seine eigenen Nahrungsmittel produzieren kann.

„Wegen des Einflusses des weißen Mannes und seiner verarbeiteten Lebensmittel, haben viele Xavante den Ackerbau, die Landwirtschaft, den Brauch, ihre eigene Nahrung zu produzieren, aufgegeben. Wir haben Land, um zu produzieren, aber dieser nicht-indigene Einfluss hat unseren Gemeinschaftssinn zerstört, der das stärkste Merkmal unseres Volkes war. Und von hier aus gehen wir in die Stadt auf der Suche nach verarbeiteten Lebensmitteln“, erklärt Félix das Dilemma.

Funai gibt zu, ohne Ressourcen zu sein

Der regionale Koordinator der Funai in Barra do Garças, Álvaro Peres, sagte in einem Bericht, dass 12 Grundnahrungsmittelkörbe gekauft wurden, die für Paranoá bestimmt sind, einschließlich der 6, die an die Familie von Rewanhiré geliefert wurden. Peres räumte ein, dass die Funai nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um die restlichen Körbe in die Gemeinde zu bringen, und die Mitarbeiter im Januar im Urlaub gewesen sind.

„Ich habe ein Auto hier im Hof, um den Transport zu machen und die Körbe in die Dörfer zu liefern, aber immer am Ende des Jahres sammelt die Bundesregierung die Mittel ein und im Moment habe ich ohne Fahrer keine Möglichkeit, in die Dörfer zu liefern. Auch wenn ich die Fahrer hier hätte, könnte ich sie mangels Taggeldes, das wir von der Regierung erst empfangen, wenn die Wirtschaftsführung des Jahres 2021 beginnt, nicht einsetzen“, argumentiert er.

Da es keine Logistik gab, um die Körbe abzuliefern, forderte Peres die Eingeborenen auf, nach Barra do Garças zu kommen. „Über mein Telefon antwortete ich den Häuptlingen und sagte, dass ich die Lieferung der Körbe, die dem Dorf zustehen, genehmige, wenn sie in die Stadt kommen könnten. Wenn sie nicht kommen könnten, sagte ich ihnen, sie sollen in den Dörfern warten und sobald ich die finanziellen und personellen Ressourcen habe, werde ich die Körbe in die jeweiligen Dörfer transportieren“, garantiert er.

Der Funai-Beamte Peres sagt, dass die Funai die indigene Bevölkerung dazu anregen will,
auf ihrem Land Pflanzungen anzulegen. „Und wir wollen die Ethno-Entwicklung auf das gesamte Volk der Xavante ausweiten. Auf diese Weise werden sie aufhören, von der Selbsthilfe zu leben“, sagte er und kommentiert, dass Programme dieser Art bereits im indigenen Land Sangradouro, das ebenfalls zu den Xavante gehört, im Gange sind.

Im Januar, sagt der regionale Koordinator der Funai noch, wird die Agentur 900 Körbe mit Grundnahrungsmitteln an die 52 Dörfer von São Marcos liefern.

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