Die Meister der Tarnung im Tierreich

Zuletzt bearbeitet: 17. Dezember 2021

Im Laufe der Jahrmillionen hat die Natur verschiedene Strategien für das Überleben der Arten geschaffen. Es ist wie ein Versteckspiel, bei dem derjenige am besten abschneidet, der die beste Strategie/Tarnung hat: Manche Tiere können schnell rennen, fliegen oder schwimmen um zu jagen oder als Gejagte zu fliehen. Andere Tiere haben hervorragende Verstecke in sehr hohen Bäumen oder in gut versteckten Höhlen. Und dann gibt es noch andere Tiere, die eine faszinierende Kunst beherrschen: die Tarnung.

Mauergecko – Foto: Anrita1705 auf Pixabay

Tarnung

Die Tarnung (oder “Camouflage“ – frz. camoufler = verschleiern, tarnen) ist eine ganz besondere Verteidigungsstrategie, zu der Individuen bestimmter Arten eine Färbung, Form oder Struktur annehmen, die derjenigen ihrer Umgebung so ähnlich ist, dass sie von einem Fressfeind unbemerkt bleiben. Der gleiche Mechanismus kann jedoch auch von einigen Raubtieren als Angriffsstrategie genutzt werden, um ihre Beute zu überraschen.

Tarnung ist ein Ergebnis der natürlichen Auslese und stellt eine Anpassung dar, die das Überleben der Arten in ihrer Umwelt sichert.
Verschiedene Arten der Tarnung Zoologen, die sich mit der “Camouflage““ im Tierreich befassen, haben die entdeckten unterschiedlichen Arten der Tarnung in vier Kategorien eingeteilt, die wir unseren Lesern an dieser Stelle präsentieren möchten:

Mimikry

Unter Mimikry versteht man die Fähigkeit einiger Tierarten, mit anderen Arten verwechselt zu werden. Tiere mit dieser Fähigkeit werden auch Nachahmer genannt. Im Allgemeinen ist ein Nachahmer kein Lebewesen, das selbst über starke Abwehrmechanismen verfügt, deshalb versucht es, andere Tiere zu imitieren, um nicht von Beutegreifern gefressen zu werden.

Ein Tier, das sich der Mimikry bedient, präsentiert in der Regel eine bestimmte Version von Farben, Texturen, Formen oder Verhaltensweisen potenziell gefährlicher Arten, um Fressfeinde zu täuschen. Nur so kann es in freier Wildbahn überleben.

Eines der besten Beispiele für die Mimikry ist die so genannte “falsche Korallenschlange“ (Lampropeltis triangulum). Diese clevere Schlange ahmt das Farbmuster von echten Korallenschlangen (Gattung Micrurus) nach, die extrem giftig sind und für Raubtiere der letzte Versuch sein kann, eine Mahlzeit zu ergattern.

Somatolyse

Aus dem Altgriechisch entlehnt bedeutet dieses Wort “Auflösung des Körpers“, es beschreibt das Verschmelzen eines Lebewesens mit seiner natürlichen Umgebung – ein Tier wird durch seine Anpassung an die Struktur und Färbung seiner Umgebung gewissermaßen unsichtbar – um zum Beispiel von seinen Fressfeinden oder seiner Beute nicht bemerkt zu werden. Dies ist eine effiziente und die einfachste Form der Tarnung.

Wenn ein Tier zum Beispiel in den Baumkronen lebt und grün ist, wird es leicht mit den Blättern selbst verwechselt – einige Insekten haben sogar blattförmige Flügel. Wenn es auf Felsen lebt und die Farben dieser Felsen hat, ist es so, als ob es unsichtbar wäre. Wenn es in der Wüste lebt und die Farbe von Sand hat, wird es in dieser Umgebung von anderen Tieren kaum bemerkt werden.

Aus diesem Grund sind z.B. Eisbären so erfolgreich beim Überleben in Schnee und Eis. Da sie so weiß sind, wie ihre Umgebung, ist es für eine Robbe schwierig zu erkennen, dass sie sich nähern. In diesem Fall profitiert der Räuber von seiner Tarnung.

Mimese

Eine ganz andere Art der Tarnung ist die des Chamäleons. Befindet es sich unter dem Blattwerk eines Baumes, nehmen seine Schuppen eine grüne Färbung an. Wenn es die Umgebung wechselt und sich zum Beispiel dem Stamm nähert, wechselt die Färbung seiner Schuppen in das Braungrau der Baumrinde.

Dies geschieht dank der Aktivität von Zellen in der Nähe der Schuppen, den so genannten “Chromatophoren“, die in der Lage sind, die Pigmente je nach der Umgebung, in der sich das Tier befindet, zu steuern. Doch obwohl nur Chamäleons mit dieser Art der Tarnung bekannt sind, verfügen auch einige Weichtiere, wie der Krake, und mehrere Amphibien- und Fischarten über diese Fähigkeit, die ihnen einen großen Vorteil bei der Jagd bietet.

Aposematismus

Tiere, die eine Warnfärbung aufweisen, ein Merkmal, das als “Aposematismus“ bezeichnet wird, zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine auffällige Farbe haben, die von anderen Lebewesen leicht beobachtet werden kann. Im Gegensatz zu den meisten Beutetieren wollen sich die aposematischen Arten nicht verstecken, sondern von ihren Fressfeinden gesehen werden.

Arten, die eine solche Warnfärbung aufweisen, sind in der Regel ungenießbar, das heißt, sie haben einen unangenehmen Geschmack, den erfahrene Raubtiere meiden. Neben dem abstoßenden Geschmack sind einige dieser Tiere in der Lage, sogar giftige Substanzen zu produzieren, die beim Raubtier Unbehagen, Erbrechen und sogar den Tod verursachen können.

Dies ist auch der Fall bei den so genannten Pfeilgiftfröschen Amazoniens – diese Winzlinge schützen sich vor eventuellen Fressfeinden durch grelle Körperfarben und -muster, die signalisieren: “Bleib weg, ich bin giftig“!

Krustenechse – Foto: sabiá brasilinfo

Die besonders artenreiche neotropische Fauna Brasiliens präsentiert uns eine überraschende Vielfalt effektiver Tarnung, deren Meister wir Ihnen vorstellen wollen.

Der Riesentagschläfer (Urutau-grande)
Der Urutau (Nyctibius grandis) ist ein nachtaktiver Vogel, der tagsüber bewegungslos auf ausladenden Ästen alter Bäume sitzt. Sein graubraunes Gefieder passt sich den Farben der Baumrinde an, eine ungewöhnliche Situation in der Welt der Vögel, in der solche perfekten Tarnungen eher selten vorkommen. Daher ist es kein Wunder, dass der Urutau in Brasilien als “Geistervogel“ bekannt ist. Neben seiner Tarnung ziehen auch seine melancholischen Rufe, seine Angewohnheit, stundenlang an derselben Stelle zu verharren, und die Merkmale seines ungewöhnlichen Sehvermögens die Aufmerksamkeit der Beobachter auf sich.

Die als „magisch“ bezeichneten Augen des Urutau sind groß und rund und haben eine leuchtend gelbe Iris. Diese auffällige Farbe ist eigentlich der sonst so perfekten Tarnung des Vogels nicht zuträglich, so dass die Tiere ihre Augen schließen, wenn sich eine Gefahr nähert. Ihr Sehvermögen wird dadurch jedoch nicht beeinträchtigt, da die oberen Augenlider je zwei Schlitze aufweisen, durch die der Urutau auch mit geschlossenen Augen seine Umgebung beobachten kann.

Urutau oder Tagschläfer – Foto: sabiá brasilinfo

Kurios ist auch die Art und Weise, wie sich Urutaus fortpflanzen, denn der Vogel positioniert das einzige Ei auf die Spitze hohler Äste und bebrütet es etwa 30 Tage lang. Nach dem Schlüpfen wird der Nachwuchs von dem erwachsenen Paar gehütet, das sich in der Wache abwechselt, um für den Nachwuchs zu jagen und ihn zu füttern, ohne ihn zu lange allein zu lassen. Neben dem Riesentagschläfer, der bekanntesten und an der häufigsten beobachteten Urutau-Art, gibt es in der Familie der Nyctibiidae vier weitere Arten, die sich vor allem durch ihre Größe unterscheiden – allerdings sind alle Mitglieder dieser Familie perfekte Tarnungsbeispiele für die “Somatolyse“.

Eulen (Corujas)
Wenn Eulen auf der Jagd sind, nutzen sie ihre lautlosen Flügel und die Schatten der Nacht, um ihre Anwesenheit zu verbergen und sich ihrer Beute schnell zu nähern. Tagsüber können sie sich so gut verstecken, dass selbst Raubtiere sie nicht entdecken können.

Es ist beeindruckend, wie sie ihre Federn benutzen, um sich in der Landschaft zu tarnen, aber nicht nur das: Sie können ihren Körper auch aufblasen oder schrumpfen lassen, um sich perfekt zu verbergen.

Die Weißgesichtseulen (Ptilopsis granti) haben eine besonders interessante Technik der Tarnung entwickelt. Aufgrund ihrer geringen Größe sind sie ein leichtes Ziel für andere Raubvögel, weshalb sie sich unbedingt gut tarnen müssen. Sie haben jedoch sehr große Augen, durch die sie von jedem Tier erkannt werden können.

Sperlingskauz – Foto: Erik Karits auf Pixabay

Wenn diese Eulen sich also von großen Raubtieren bedroht fühlen, strecken sie ihre Silhouette – legen ihre Federn dicht am Körper an – und schließen die Augen, so dass sie nur durch einen kleinen Spalt sehen, wo der Feind sich befindet. Auf diese Weise sind sie sehr schwer zu entdecken, besonders wenn sie sich an den Stamm eines Baumes klammern und ihre Gefiederfarbe mit der Färbung der Baumrinde „verschwimmt“.

Sollte die Bedrohung allerdings näherkommen, bluffen die Eulen geschickt: Sie heben ihre Flügel und blasen sich auf, so dass sie viel größer aussehen, als sie tatsächlich sind. Diese überraschende Haltung erschreckt den Angreifer und veranlasst ihn, sich auf die Suche nach einem weniger furchterregenden Tier zu begeben – ein weiteres Beispiel für die “Somatolyse“.

Das Chamäleon (Camaleão)
Das Chamäleon (Chamaeleonidae) ist ein Reptil, das sich hervorragend tarnen kann und eines der besten Beispiele der Natur darstellt. Das Chamäleon imitiert seine Umgebung nicht nur, um seine Feinde zu täuschen, sondern auch, um seine Beute zu überrumpeln. Es ändert auch seine Farbe, um seine Temperatur zu regulieren, seine Gefühle auszudrücken oder ein Weibchen anzulocken.

Das Chamäleon ist ein Tier, das für gewöhnlich eine besondere Faszination auf seine Beobachter ausübt. Es hat einen ungewöhnlich geformten Körper und eine sehr lange und klebrige Zunge, mit der es Insekten jagt. Die großen Augen dieses relativ kleinen Reptils bewegen sich unabhängig voneinander in verschiedene Richtungen. Das Überraschendste ist jedoch zweifellos seine Fähigkeit, die Farbe zu wechseln.

Lange Zeit ging man davon aus, dass diese Tarnung des Chamäleons dem Bedürfnis entspricht, sich vor Gefahren zu schützen, denen es ausgesetzt ist. Aus einigen wissenschaftlichen Studien geht jedoch hervor, dass diese Fähigkeit nicht ausschließlich darauf zurückzuführen ist. Diese unglaubliche Tarnfähigkeit des Chamäleons sowie die Möglichkeit, leuchtende Farben anzunehmen, um auf sich aufmerksam zu machen, ist auf seine körperliche Verfassung zurückzuführen.

Unter seinen zahlreichen Hautschichten hat es verschiedene Pigmentzellen, die wie kleine Kristalle aussehen. Sie bestehen aus Chromatophoren, Iridophoren, Guanophoren, Melanophoren, Erythrophoren, Cyanophoren, Leucophoren und Xanthophoren. Jede dieser Gruppen von Zellen hat die Aufgabe, eine andere Farbe zu zeigen. Dies hängt von dem Licht ab, das auf dem Körper des Chamäleons reflektiert wird, sowie von der Temperatur seines Körpers und seiner Umgebung.

Diese hochspezialisierten Zellen sind in der Lage, die Verteilung der Pigmente, die sie besitzen, zu regulieren. Das sichtbare Ergebnis ist eine große Vielfalt an unterschiedlichen Helligkeiten, Schattierungen und Mustern. Chamäleons haben die Fähigkeit, die Farben von Blättern, Zweigen und allgemein der Vegetation um sie herum anzunehmen. Wenn sie sich in diesem Zustand befinden, kann es unglaublich schwierig sein, sie von ihrer Umgebung zu unterscheiden.

Chameleon – Foto: sabiá brasilinfo

Aber es muss klargestellt werden, dass der Farbwechsel des Chamäleons nicht nur auf das Bedürfnis nach Tarnung zurückzuführen ist. Diese Vorstellung ist zwar weit verbreitet, aber sie ist falsch. Diese Reptilien haben zwar eine wirklich beeindruckende Fähigkeit, ihre Umgebung zu imitieren, aber der Farbwechsel dient nicht immer dazu, sie „verschwinden“ zu lassen.

Die Farbwechsel des Chamäleons sind in den meisten Fällen auf den physischen Zustand seines Körpers oder, so die Meinung vieler Experten, auf seine Gefühle zurückzuführen. Eine der häufigsten Situationen, in denen es zu einem Farbwechsel kommt, ist der Balzprozess des Männchens gegenüber dem Weibchen vor der Paarung. Bei dieser Gelegenheit verwandelt sich das männliche Chamäleon in einen wahren Regenbogen aus sehr hellen und auffälligen Farben, um das Weibchen anzulocken.

Die Veränderung der Farbe kann auch mit dem Klima zusammenhängen. Das Chamäleon passt seinen Körper durch seine Farben an, um seine eigene Temperatur zu regulieren, um Kälte, Hitze, Wind oder Sonne besser zu widerstehen.

Der Farbwechsel des Chamäleons spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Kommunikation. Während eines Kampfes sind Chamäleons in der Lage, die Stimmung ihres Gegners zu erkennen und darauf zu reagieren. So können sie erkennen, ob ihr Gegner wütend ist, Angst hat usw. – die absolute Perfektion seiner Tarnungskunst gehört jedoch zu den besten Beispielen der “Mimese“.

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AutorIn: Klaus D. Günther

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