Kompass der Tauben

Zuletzt bearbeitet: 18. Januar 2022

Früher war die “Taubenpost“ ein unersetzlicher Nachrichtendienst, mit dem Informationen über den Luftweg verschickt werden konnten. Denn Brieftauben sind Meister der Orientierung und finden immer den direkten Weg nach Hause. Warum Brieftauben aber einen so guten Orientierungssinn haben, kann man bis heute nicht genau erklären. Orientieren sich Brieftauben vielleicht am Magnetfeld der Erde?

Taube – Foto: Kiều Trường auf Pixabay

Untersuchungen bezüglich der Fortbewegung durch Orientierung am Magnetfeld der Erde wurden schon bei vielen Versuchstieren durchgeführt, und ihre Ergebnisse sind von den Brieftauben (Columba livia) als die besten bekannt geworden. Die Auswirkungen experimentell herbeigeführter und auch natürlich auftretender Störungen des Erdmagnetfeldes lassen vermuten, dass besonders Tauben empfindlich auf Veränderungen der geomagnetischen Parameter reagieren. Ob Tauben allerdings das Erdmagnetfeld tatsächlich zur Positionsbestimmung nutzen, ist noch unbekannt – und zumindest stark umstritten.

Involvierte Wissenschaftler berichten über eine offensichtliche Orientierung am geomagnetischen Feld, die sie bei Tauben beobachtet haben. Anhand ihrer Flugbahnen, die von GPS-Verfolgungsgeräten aufgezeichnet wurden, konnten sie feststellen, dass viele an unbekannten Orten ausgesetzte Tauben, zunächst in Richtungen flogen, die parallel zur Ausrichtung des lokalen Intensitätsfeldes verliefen, um schließlich die Richtung auf ihre Heimat anzusteuern. Die Studie scheint eindeutig zu belegen, dass Tauben bei der Heimkehr räumliche Schwankungen des Erdmagnetfeldes erkennen können und darauf reagieren – eine Information, die für die Navigation von Nutzen sein könnte.

Taube – Foto: Fritz_the_Cat auf Pixabay

Es ist bekannt, dass Organismen einer Vielzahl von taxonomischen Gruppen – von Bakterien über Insekten bis hin zu Vertretern aller wichtigen Wirbeltierklassen – ihren Körper und Teile ihres Körpers, von ihnen gebaute Objekte (z. B. Nester) oder ihre Bewegungsbahnen – in Bezug auf das Erdmagnetfeld ausrichten. Bei einigen Arten kann ein solches Verhalten die Rückkehr in bevorzugte Umgebungen steuern oder bei Bauaktivitäten helfen, bei anderen gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass die Orientierung auf der Grundlage von Attributen des Erdmagnetfeldes, speziell zum Zweck der Richtungsfindung und Navigation, erfolgt.

Ob magnetische Hinweise Bestandteile des Navigationsverhaltens von Tieren sind, ist jedoch eine Frage, die weiterhin diskutiert wird. Die stärksten Belege für die Reaktion von Tieren auf räumliche und zeitliche Schwankungen der geomagnetischen Parameter während der Heimkehr oder der Wanderung gibt es für Brieftauben.

Die Auswirkungen magnetischer Anomalien und Stürme auf das anfängliche Orientierungsverhalten haben zu der Vermutung geführt, dass Tauben Veränderungen im Intensitätsgradienten des Erdmagnetfeldes wahrnehmen und diese Information zur Positionsbestimmung nutzen können.

Wir möchten zu diesem umstrittenen Thema die Ergebnisse einer Untersuchung unter Leitung der Ornithologin Anna Gagliardo, von der “Universität Pisa“ anführen, die behauptet:
“Der Heimkehrinstinkt von Tauben basiert auf ihrem Geruchsinn“!

Zusammen mit ihrem Kollegen Martin Wild, von der “Universität Auckland“, knüpfte sie mit ihren “Pisa-Experimenten“ an jene Forschungsergebnisse von 2004 an, die zeigten, dass Tauben Magnetfelder wahrnehmen können. Anna argumentierte jedoch, dass dies nicht bedeute, dass sie diese Wahrnehmung auch zur Navigation nutzen.

Brieftaube – Foto: Kurt Bouda auf Pixabay

Stattdessen fanden die beiden Forscher heraus, dass Tauben „Geruchskarten“ ihrer Umgebung erstellen und diese zur Orientierung nutzen. Damit ersetzen sie die Vorstellung, dass die Vögel sich an die subtilen Schwankungen des Erdmagnetfeldes zur Navigation halten.

“Dies ist wichtig, weil es das erste Mal ist, dass magnetische Wahrnehmung und Geruchssinn Seite an Seite getestet wurden“, sagte Anna, die Forschungsleiterin. Für ihre Untersuchung durchtrennte sie bei 24 jungen Brieftauben die Nerven, die Geruchssignale zum Gehirn leiten. Bei weiteren 24 Tauben schnitt sie den Trigeminusnerv durch, der mit dem Teil des Gehirns verbunden ist, der für die Wahrnehmung von Magnetfeldern zuständig ist.

Die 48 Vögel wurden 25 Kilometer von ihrem Schlag entfernt freigelassen. Bis auf eine Ausnahme waren alle Tauben, denen die Fähigkeit, Magnetfelder zu erkennen, genommen wurde, innerhalb von 24 Stunden wieder zu Hause, was darauf hindeutet, dass es sich nicht um eine Fähigkeit handelt, die ihnen beim Navigieren hilft. Diejenigen, die ihres Geruchssinns beraubt worden waren, flatterten dagegen ziellos über den Himmel Norditaliens – nur vier Vögel schafften es nach Hause.

Anna und ihr Team kommen deshalb zu dem Schluss, dass Tauben die Landschaft als einen Flickenteppich von Gerüchen lesen!

Die Entdeckung, dass Vögel über ein olfaktorisches Ortungssystem (den Riechnerv betreffend) verfügen, ist auch die jüngste überraschende Entdeckung über den Vogelzug. Vögel wissen genau, wann sie Beeren oder Insekten fressen müssen, um sich für lange Flüge zu mästen, und einige Arten erkennen Sternbilder, was ihnen hilft, nachts zu fliegen. Vögel bewältigen auch riesige Entfernungen: Der Sturmtaucher legt z.B.in seinem Leben durchschnittlich circa 30.000 Kilometer zurück!

Zur Erforschung der Navigation der Vögel wurde in England ein Experiment durchgeführt, bei dem Rotkehlchen mit einer Augenklappe über einem Auge freigelassen wurden – einige auf dem rechten Auge, andere auf dem linken. Die Rotkehlchen mit der Augenklappe auf dem linken Auge konnten gut navigieren, aber die mit der Augenklappe auf dem rechten Auge verirrten sich hoffnungslos.

Das ist ein sehr seltsamer Befund“, sagte vom “British Trust for Ornithology“. “Es ist klar, dass die Signale, die Rotkehlchen zum Navigieren verwenden, nur mit einem Auge wahrgenommen werden können. Warum das so ist, weiß ich allerdings nicht“.

Tauben weiss – Foto: Couleur auf Pixabay

Jedes Frühjahr ziehen Hunderte von Millionen Vögeln nach Norden, um neue Ressourcen zu erschließen. Möwen ziehen in die Arktis, um die dort herrschenden 24 Stunden Tageslicht zu nutzen, während Schwalben und andere Vögel Afrika verlassen, um die europäische Sommerzeit zu genießen.

Die Navigation auf diesen langen Reisen ist unter Wissenschaftlern noch immer umstritten. Zu den wichtigsten Theorien gehört, dass sich einige Vögel visuelle Karten des Geländes, das sie überfliegen, einprägen, dass sie den Linien des Erdmagnetfeldes folgen und dass Nachtflieger sich Sternenkarten des Himmels merken.

Die Entdeckung der Fähigkeit von Tauben, Gerüche zu nutzen, wird jedoch als wichtig erachtet, da ihre Navigationsfähigkeiten zu den besten in der Natur gehören. Tauben sind hervorragend in der Lage, nach Hause zu kommen, wenn sie an unbekannten Orten ausgesetzt werden. Dass sie diese Genauigkeit mit Hilfe des Geruchsempfindens erreichen sollen, ist umso erstaunlicher.

Und zum Schluss: Unter den mehr als 300 Taubenarten in Brasilien fallen uns zweifellos zuerst die weiße oder die sogenannte Haustaube ein, wenn wir uns diesen Vogel vorstellen.

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AutorIn: Klaus D. Günther

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