Kleine Krabbler mit Namen großer Frauen – Warum eine Forscherin Frauennamen an Ameisen vergibt

Ameisen spielen in der Natur eine wichtige Rolle, sei es bei der Kontrolle anderer Tierpopulationen, der Verbreitung von Samen oder bei der Zersetzung von Streu, Blättern und Kadavern. In Brasilien haben nun elf neue Arten der emsigen Krabbler Frauennamen erhalten. Geehrt wurden damit Frauen, wie die afrobrasilianische Freiheitskämpferin Dandara dos Palmares, die 2018 kaltblütig ermordete Stadträtin Marielle Franco, die österreichische Agronomin Ana Maria Primavesi und Fußballstar Formiga.

Ameise – Foto: cp17 auf Pixabay

Vier Jahre hat die brasilianische Biologin Mônica Ulysséa an ihrer Doktorarbeit über neue Ameisenarten der Gattung Hylomyrma gearbeitet. Hylomyrma sind Ameisen der Tropen, die von Süd-Mexiko über Brasilien bis nach Argentinien vorkommen.

Tausende Exemplare hat Mônica Ulysséa für ihre Doktorarbeit studiert. Neufunde hat sie mit bereits bekannten Arten verglichen, ihre Charakteristiken unter dem Mikroskop ausgemacht, festgehalten und wieder und wieder mit anderen Arten verglichen. Das Ergebnis: Die Entdeckung von 14 der Wissenschaft noch unbekannten Ameisenarten. Alle gehören zur Gattung Hylomyrma. Deren Artenzahl hat sich dank der Arbeit Ulysséas beinahe verdoppelt. Bisher waren 16 Hylomyrma-Arten bekannt, jetzt sind es 30.

Die Wahl der Namen

Werden neue Pflanzen- oder Tierarten entdeckt, wird für die Vergebung eines Namens oft der Fundort, eine besondere Eigenart der neuen Art oder der Name eines Wissenschaftlers herangezogen. Mônica Ulysséa hatte eine andere Idee. Sie wollte mit der Auswahl der Namen ein Zeichen setzen und auf die Ungleichheit der Geschlechter in der Gesellschaft und auch der Wissenschaft aufmerksam machen. Darüber hinaus wollte sie “das Leben und die Arbeit unglaublicher Frauen hervorheben und anerkennen“, wie sie im Wissenschaftsjournal der Universität São Paulo verrät.

Elf der 14 neuen Ameisenarten hat Mônica Ulysséa deshalb mit Namen von Frauen bedacht, die Geschichte geschrieben haben und dennoch von den Geschichtsschreibern oft vergessen werden, oder die auf ihre Weise für die Gesellschaft von Bedeutung sind.

Die Namen der Ameisenarten Hylomyrma lopesi und Hylomyrma peetersi beziehen sich hingegen auf zwei Forscher. Der Professor Benedito Cortês Lopes hat Mônica Ulysséa auf die erstaunliche Welt der Ameisen aufmerksam gemacht. Ein weltweit anerkannter Ameisenexperte war auch Christian Paul Peeters.

Mit Hylomyrma wachiperi wird hingegen das indigene Volk der Wachiperi geehrt. In ihrer Region, im peruanischen Amazonas-Regenwald, wurde die Ameisenart entdeckt. Die Ehrung steht laut Mônica Ulysséa aber nicht nur für das Volk der Wachiperi, sondern für alle indigenen Völker. Hervorheben will die Forscherin mit ihrer Namenswahl ebenso den Einsatz der indigenen Völker für den Erhalt und Schutz der Wälder und der Biodiversität.

Ameise . Foto: shammiknr auf Pixabay

Bedeutende Frauen

Elf der von ihr erstmals wissenschaftlich beschriebenen Ameisenarten hat die Forscherin der Universität São Paulo (USP) mit Namen von Frauen bedacht, die jede auf ihre Weise in unermüdlicher Ameisenarbeit für Veränderungen in der Gesellschaft gekämpft haben oder stellvertretend für viele andere stehen. “Es sind Frauen, die uns bekannt sind, die nicht in den Medien auftauchen, die aber dennoch auf ihrem Platz etwas bewegen“, so Ulysséa. Sie verweist dabei auch darauf, dass in Brasilien manchmal genau das, der Einsatz und die Stärke der Frau, dazu führt, dass sie ermordet werden.

Mítia Heusi Silveira – Hylomyrma mitiae
Ein Beispiel dafür ist Mítia Heusi Silveira (1984-2010), eine Freundin der Wissenschaftlerin. Sie hat an der Universität Santa Catarina (UFSC) an Projekten über Pilze und Käfer gearbeitet. 2010 wurde sie von ihrem Lebenspartner in ihrer Wohnung getötet. Bei dem Femizid handelt es sich leider um keinen Einzelfall. Nach einer Erhebung des Fórum Brasileiro de Segurança Pública wird in Brasilien alle sechseinhalb Stunden eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. 2020 sind nach offiziellen Zahlen 1350 Frauen zum Femizidopfer geworden. Eine der neuen Ameisenarten hat deshalb den Namen Hylomyrma mitiae erhalten. Er dient nicht nur zum Gedenken an Ulysséas Freundin, sondern ist ebenso als Aufschrei gegen die Gewalt gegenüber Frauen gedacht.

Marielle Franco – Hylomyrma marielleae
Ermordet wurde ebenso Marielle Franco (1979-2018). Die afrobrasilianische Stadträtin Rio de Janeiros und ihr Fahrer sind am 14. März 2018 bei ihrer Heimfahrt auf offener Straße erschossen worden. Marielle Franco hatte sich unter anderem für die Bewohner der Favelas stark gemacht, sich gegen die dort agierenden Milizen eingesetzt und Übergriffe und Menschenrechtsverletzungen durch Polizisten angeprangert. Mittlerweile gab es zwar Festnahmen von mutmaßlichen Tätern. Das Motiv und wer die Hintermänner sind, ist hingegen bis heute noch unbekannt. Der Fall gilt auch nach beinahe vier Jahren als nicht abgeschlossen und eine Verurteilung der Täter ist ausstehend.

Margarida Maria Alves – Hylomyrma margaridae
Eine Menschenrechtlerin war ebenso Margarid Maria Alves (1933-1983). Sie war die erste Gewerkschafterin Brasiliens und hat sich im brasilianischen Bundesstaat Paraíba vor allem für die Rechte der Landarbeiter eingesetzt. Am 12. August 1983 wurde sie wegen ihrem Kampf gegen die Ungerechtigkeiten umgebracht. Seit dem Jahr 2000 gibt es in Brasilien den „Marcha das Margaridas“. Inspiriert ist er am Kampf und dem Lebensweg Margaridas. Er vereint jährlich tausende Frauen aus ganz Brasilien, die am Todestag Margaridas für die soziale Anerkennung und die Durchsetzung der Rechte der Landarbeiter auf die Straße gehen.

Jerônima Mesquita – Hylomyrma jeronimae
Eine beeindruckende Frau war auch Jerônima Mesquita (1880-1972). Die aus adeligen Kreisen stammende Frau war während des ersten Weltkriegs als Krankenpflegerin in Feldlazaretten Europas im Einsatz. In Brasilien war sie an der Gründung des Roten Kreuzes beteiligt und hat sich für diverse Hilfseinrichtungen eingesetzt. Darüber hinaus war sie eine der Gründerinnen der brasilianischen Frauenverbandes Federação Brasileira pelo Progresso Feminino (1922). Jerônima gilt als eine der Pionierinnen des Kampfes für die Frauenrechte in Brasilien.

Dandara dos Palmares – Hylomyrma dandarae
Dandara dos Palmares (?-1694) wird von den Geschichtsschreibern meist geflissentlich übersehen, obwohl auch sie Erstaunliches geleistet hat. Über ihr Leben existieren kaum Daten und Dokumente. Bekannt ist hingegen, dass sie im Widerstand gegen die Sklaverei im kolonialen Brasilien sehr aktiv war, an der Seite von Männern gekämpft und Widerstandsstrategien erarbeitet hat. Dandara war mit Zumbi dos Palmares verheiratet, dem Anführer des Quilombo dos Palmares. Quilombos waren von entlaufenen Sklaven gegründete in schwer zugänglichen Regionen gelegene Wehrdörfer. Der Quilombo dos Palmares war mit seinen 20.000 Einwohnern der größte Lateinamerikas. Er gilt ebenso als ein Symbol für den Widerstand der versklavten Afrikaner.

Adela Zamudio – Hylomyrma adelae
Auch Adela Zamudio (1854-1928) zählt zu den ersten Frauenrechtlerinnen Lateinamerikas. Aufgewachsen ist sie in einer Zeit, in der Frauen noch keine höhere Schulen besuchen durften. Sie hat es dennoch geschafft, eine der wichtigsten und bedeutendsten Dichterinnen und Schriftstellerinnen Boliviens zu werden. Die Lehrerin und Feministin hat sich nicht nur für die Rechte der Frauen eingesetzt, sondern ebenso gegen den Rassismus. Nicht zurückgehalten hat sie auch mit Kritik an dem in ihrem Land von der katholischen Religion geprägten Erziehungsstil.

Clarice Lispector – Hylomyrma lispectorae
In der Ukraine als russische Jüdin geboren ist Clarice Lispector (1920-1977) mit ihren Eltern als Kind vor den Verfolgungen der Juden und dem russischen Bürgerkrieg 1922 nach Brasilien geflohen. In Brasilien eingebürgert hat sie mit nur 24 Jahren ihr erstes Buch veröffentlicht. Heute gilt Clarice Lispector als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Brasiliens des 20sten Jahrhunderts. Ihre Werke sind in mehrere Sprachen übersetzt.

Miraildes Maciel Mota “Formiga“ – Hylomyrma macielae
Unter dem Namen Miraildes Maciel Mota (1978) kennt kaum einer die brasilianische Fußballerin, die für Rekorde gesorgt hat. Weltweit bekannt ist sie hingegen unter ihrem Namen „Formiga“, der in deutsch “Ameise“ bedeutet. Sie ist die einzige Fußballerin der Welt, die bei sieben Weltmeisterschaften und sieben olympischen Spielen angetreten ist. Auch Formiga steht für Widerstand und Durchsetzungskraft. In einem Land, in dem der Fußball Männerdomäne ist, sich Rassismus und Vorurteile durch die Gesellschaft ziehen, hat sich die heute 43-Jährige dennoch als Frau, schwarze Afrobrasilianerin und Lesbe beim Fußball durchgesetzt, und das in einer Zeit, zu der Frauen offiziell per Gesetz nicht Fußball spielen durften.

Maria do Espírito Santo da Silva – Hylomyrma mariae
Brasilien ist für aktive Umweltschützer ein gefährliches Land. Das musste auch die Familie von Maria do Espírito Santo da Silva (1956-2011) schmerzlich erfahren. Maria und ihr Mann José Cláudio Ribeiro da Silva haben sich im brasilianischen Bundesstaat Pará für den Erhalt des Amazonas-Regenwaldes eingesetzt, seine nachhaltige Nutzung, die Extrativisten und die Agrarreform. 2011 sind beide hinterhältig ermordet worden. Beide hatten zuvor nach Morddrohungen um Schutz durch den Staat gebeten. Der wurde ihnen verwehrt. Von den Vereinten Nationen sind sie posthum als Helden der Wälder mit einer Prämie anerkannt worden. Laut dem 2021 herausgegebenen Jahresbericht der Organisation Global Witness sind in Brasilien 2020 mindestens 20 Umweltaktivisten ermordet worden. Damit steht das Land auf dem vierten Platz beim weltweiten Ranking der Gewalt gegen Umweltschützer.

Ana Maria Primavesi – Hylomyrma primavesi
Die unermüdliche Arbeit von Ana Maria Primavesi (1920-2020) ist für die Landwirtschaft Brasiliens von großer Bedeutung. Bei der Landbewirtung in Brasilien ist über Jahrzehnte hinweg auf europäische Kenntnisse gesetzt worden. Die tropischen Böden haben mit den europäischen allerdings wenig gemein. Die in Österreich geborene und in Brasilien eingebürgerte Landwirtschaftsingenieurin hat als eine der ersten die tropischen Böden studiert, vor allem im Zusammenhang mit einer ökologischen Bearbeitung. Ihre Arbeiten und Ideen gelten als revolutionär und sind Grundlage für die Agro-Ökologie Brasiliens. Zahlreiche Schriften und Bücher hat Ana Maria Primavesi veröffentlicht. Bekannt ist sie in Brasilien indes kaum.

Virginia Leone Bicudo – Hylomyrma virginiae
Auch Virginia leone Bicudo (1910-2003) ist in Brasilien nur Wenigen bekannt. Sie hat in ihren wissenschaftlichen Arbeiten unter anderem aufgezeigt, wie tief der Rassismus in Brasilien verwurzelt ist. Sie hat zudem ein Umdenken über den Begriff “Rasse“ als soziale Kategorie gefordert. In Brasilien werden noch heute Angaben der Rasse gefordert, sei es bei Einschreibungen für staatliche Prüfungen oder für einen Platz an der Universität. Mittlerweile gibt es Quoten, um auch Afrobrasilianern einen Studienplatz zu ermöglichen, die in der Regel wenigere Chancen auf eine gute Ausbildung haben als Weiße. Einen Namen gemacht hat sich Virginia Leone Bicudo ebenso in der Psychoanalyse. Sie gilt als Gründerin der psychoanalytischen Bewegung Brasiliens.

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AutorIn: Gabriela Bergmaier Lopes

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