Brasilien, das Land der Skater, wo vom Kleinkind bis zum Opa Generationen auf dem Rollbrett stehen

In Brasilien gibt es Skate für die ganz Kleinen, die gerade aus den Windeln heraus gewachsen sind, und für die Veteranen, die mehr als fünf Jahrzehnte zählen. Das Skaten vereint in dem südamerikanischen Land längst Generationen und die Zahl der Anhänger dieses Straßensportes hört seit drei Jahrzehnten nicht zu wachsen auf.

Skaten – Foto: Free-Photos auf Pixabay

Was in den 1960er Jahren zögerlich begonnen hat, ist zum heimlichen Volkssport geworden. Da verwundert es nicht, dass das südamerikanische Land beim Skate weltweit ganz vorne mitmischt. Fünf von den Top-10 des Weltrankings sind Brasilianer. Seit wenigen Tagen gibt es auch zwei olympische Medaillenträger. In Tokio haben sich die erst 13-jährige Rayssa Leal und Kelvin Hoefler Silber geholt.

Das Skatefieber ist nicht von gestern. Seit der Jahrhundertwende erlebt Brasilien einen richtigen Skaterboom. Der hat seine Anfänge in den 1990er Jahren, als bei den internationalen Wettkämpfen erstmals auch Brasilianer vertreten waren. Einer von ihnen sollte später einer der außergewöhnlichsten Skater und zur lebenden Legende werden: Bob Burnquist.

Seinen englisch klingenden Namen hat er von seinem Vater. Der ist Amerikaner. Seine Mutter ist Brasilianerin. Aufgewachsen ist er in São Paulo, der Stadt, die das Skaten einst verboten und dann 1995 den 3. August zum Tag des Skates ausgerufen hat. Aber das war vor Burnquists Zeit.

Auch Verbot stoppt Skater nicht
Das generelle Skate-Verbot ist in São Paulo 1988 vom damaligen Bürgermeister erlassen worden. Wenige Monate später wechselte der Bürgermeister und damit auch die Skate-Politik. Die neue Bürgermeisterin Luiza Erundina hob das Verbot auf und ließ zusätzlich Skateparks bauen.

Die genoss auch Bob Burnquist, der 1997 vom Magazin Thrasher zum weltweit besten Skater des Jahres gewählt worden ist. Das wiederholte sich noch weitere sechs Mal. Im Laufe seiner Karriere schaffte Burnquist Unglaubliches. 30 Mal holte er sich bei den X-Games eine Medaille, ein historischer Rekord.

Er war der erste und einzige Skater der den “Fakie 900“ auf der Mega Ramp geschafft hat, zweieinhalb Drehungen in der Luft und das auf der Mega Rampe. Das, seine Errungenschaften und das Kreieren von neuen Stilen hat ihm 2010 den Eintritt in die Skateboarding Hall of Fame verschafft.

Burnquist hat für Aufsehen gesorgt. Das haben auch auch die elektronischen Spiele, in denen er und der Amerikaner Tony Hawk die Hauptfiguren waren. In ihnen wird der Spieler zum Skater, der verschiedene Aufgaben erledigen muss. Gespielt wurden sie in tausenden Wohnzimmern. Auch das hat dazu verholfen, den Skatesport noch weiter zu verbreiten.

Das tat auch die Gründung eines eigenen Verbandes, des brasilianischen Skateverbandes CBSK. Der wurde 1999 als einer der ersten der Welt ins Leben gerufen.

Von da an war der Skateaufwind in dem südamerikanischen Land nicht mehr zu stoppen. In dem 2002 veröffentlichten Skatepistenführer wurden bereits 427 Pisten aufgeführt. Nur vier Jahre später gab es in Brasilien bereits über tausend offizielle Skatepisten.

Der Boom zeigt sich auch bei den Zahlen der Skater. Nach einer vom Skateverband CBSK in Auftrag gegebenen Studie beim Institut Datafolha zählte Brasilien im Dezember 2009 schon 3,8 Millionen Skater. 2016 kalkulierten die Statistiker von Datafolha 8,5 Millionen Skater in Brasilien und damit mehr als in den USA.

Auch die Zahl der professionellen Skater ist in dem südamerikanischen Land hoch. Laut CBSK sind es über 800. Etliche von ihnen zählen zu den besten Skatern der Welt.

Rekordpiste, soziale Projekte und Millionenmarkt
Jährlich werden in Brasilien dutzende von Skatepisten gebaut. Eine von ihnen wurde als olympisches Erbe von Rio 2016 in der Cidade Maravilhosa im Park der Radikalsportarten angelegt. Die größte von ihnen entsteht aber gerade in Porto Alegre. Einmal fertig wird sie 6.120 Quadratmeter umfassen und den bisherigen Giganten in São Bernado do Campo (5.000 Quadratmeter) als größte Skatepiste Lateinamerikas ablösen.

Einst wurde den Skatern unterstellt, dass sie in Parkanlagen nur herumlungern, lärmen und Drogen zu sich nehmen. Ganz ist das Vorurteil noch nicht abgebaut, aber der Skatesport hat sich in Brasilien trotzdem etabliert und gewinnt stetig an Ansehen.

Dazu beigetragen hat auch Skater Cris Fernandes. Der gründete 2006 Skatecamps für Kinder und Jugendliche. In Favelas werden mittlerweile zudem soziale Projekte mit Skate angeboten. Auch der brasilianische Staat hat den Skatesport anerkannt. Er unterstützt, wie in anderen Sportarten auch, vielversprechende Talente mit monatlichen Fördergeldern.

Der Skatesport stellt längst einen millionenschweren Wirtschaftszweig. Reisen zu berühmten Pisten werden angeboten, es gibt Modemarken der Skater und auch Spiele. Selbst die Coronavirus-Pandemie hat den Drang auf das Rollbrett zu steigen kaum gebremst.

Verschiedene Marken, die Ausrüstung und Skatemode anbieten konnten mitten im Pandemiejahr sogar Zuwächse bei den Verkäufen verzeichnen. Viele scheinen den Individualsport im Freien als Ausgleich zur Nerven zehrenden Isolation angesehen zu haben.

Aber auch für diejenigen, die nicht nach draussen konnten oder wollten gab es Skating, in Form von Spielen. Auch deren Zahl ist weiter zunehmend. Selbst Bob Burnquist hat 2013 sein eigenes Spiel für Smartphone und Tablet herausgegeben. 2020 wurde zudem der Klassiker für Spielekonsolen aus dem Jahr 1999 neu aufgelegt. In der tauchen auch die Skaterinnen auf, allen voran die Brasilianerin Letícia Bufoni.

Mädchen und Frauen kämpfen um Anerkennung
Auch Letícia Bufoni zählt zu den weltbesten Skatern. Keine andere Skaterin hat bei den X-Games so viele Medaillen gewonnen, wie sie. “Skate Prinzessin“ wird die 28-Jährige Brasilianerin genannt, die bei den olympischen Spielen in Tokio dabei war.

Dort sind, auch wie bei den Herren, gleich drei Brasilianerinnen als Favoriten im Skate Street angetreten. Den Einzug ins Finale hat Letícia um Zehntelpunkte verpasst. Auch Weltmeisterin Pâmela Rosa schaffte es nach einer Verletzung nicht ins Finale. Die brasilianischen Skaterinnen waren allerdings von Rayssa Leal auf dem Siegerpodium vertreten.

Disziplin Skate – Foto: Gaspar Nobrega/COB

Noch ist das Skaten aber von Jungen und Männern dominiert. Nach einer Umfrage des Institutes Datafolha waren 2015 nur 19 Prozent der Skater Mädchen oder Frauen. Die Vorurteile gegenüber skatenden Mädchen werden nur langsam abgebaut. Als Karen Jonz vor zwei Jahrzehnten ihre Liebe zum Skateboard entdeckt hatte, fand sie nur wenig Unterstützung. 2008 machte die Skatepionierin Geschichte, als erste Frau Brasiliens, die bei den X-Games den ersten Platz belegt hat.

Heute kämpft die dreifache Weltmeisterin wieder um ihren Platz in der Skatewelt. Dieses Mal als Mutter. Auch das ist noch ein Novum, das Schwierigkeiten mit sich bringt. Viele Sponsoren scheinen nicht zu glauben, dass Mutterschaft und Sport unter einen Hut zu bringen sind. Doch die 37-Jährige gibt nicht auf. Einige Sponsoren sind zwar abgesprungen, aber Karen Jonz hat inzwischen einen ganz besonderen Fan: ihre vierjährige Tochter Sky. Auch die steht schon auf dem Rollenbrett und skatet.

Alter kein Hindernis
Dann sind da noch die Veteranen, diejenigen, die vor 30 Jahren und mehr schon auf dem Skate standen und es nie wieder haben sein lassen und diejenigen, die in ihrer Jugend schon einmal geskatet sind und jetzt wieder auf das Brett steigen.

Dabei sind auch über 50-jährige Neueinsteiger. Sie wissen, dass sie höchstwahrscheinlich keine Rekorde mehr auf einer Mega Rampe erzielen werden. Aber das ist auch nicht notwendig. Das Skaten bietet Bewegung im Freien. Manche sagen, es ist wie Meditation. Andere sind von der Atmosphäre begeistert.

Sogar Gruppen haben sich gebildet, wie Osteskateporose. Deren einziges Kriterium zur Aufnahme ist, dass das Eintrittsalter über 35 liegen muss.

Wer will, fröhnt dem Sport alleine. Ein Merkmal der Skaterworld ist aber auch das Zugehörigkeitsgefühl. Gruppen treffen sich, diskutieren über Runs, Manöver und Neuigkeiten und feuern sich gegenseitig an.

Dass beim Skaten nicht nur das eigene Können zählt, war bei den Wettbewerben des Skate Street in Tokio zu sehen. Als Kelvin Höfler im Finale der olympischen Spielen ohne Fehler mit dem Board rückwärts über das Treppengeländer geskatet ist, gab es nicht nur Höchstnoten, sondern auch Applaus von seinen Mitstreitern aus anderen Ländern, die von Kelvin überrundet worden sind.

Mit dem Skateboard zur Arbeit
Nur eins fehlt noch: das Skate als Fortbewegungsmittel. Auf den Straßen sind Skater in Brasilien eher selten zu sehen. In einigen Städten des Landes ist dies auch verboten. Das war es auch in der südbrasilianischen Stadt Blumenau.

Dort wurde das entsprechende Dekret aber 2007 aufgehoben. Seitdem gibt es in Blumenau auch ein paar Menschen, die statt mit dem Auto oder dem Rad mit dem Skateboard zur Arbeit rollen.

Noch sind das allerdings Ausnahmefälle. Aus Sicherheitsgründen und bei dem pulsierenden Verkehr in den Großstädten ist das auch nicht unbedingt zu empfehlen. Aber wer weiß, vielleicht gibt es in Brasilien ja irgendwann ähnlich wie Radwege auch Skatewege. Schließlich werden die zwei errungenen Olympiademedaillen das Skaten noch populärer machen, als es schon ist.

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AutorIn: Gabriela Bergmaier Lopes

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