Im Regenwald bekommt das Fußball-WM-Fieber andere Dimensionen

Im Regenwald zu leben, ist immer wieder spannend, vor allem dann, wenn irgendetwas Wichtiges auf dem Programm steht. Dann gehört es eigentlich schon zur Regel, dass etwas passiert, das alles durcheinander bringt. Das war auch beim Auftaktspiel der Brasilianer bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Qatar der Fall.

Der Tag hat noch ganz normal angefangen. Eine dichte Wolkendecke hat sich mit leichten Regenschauern abgewechselt. Für ein tropisches Frühjahr ist das nicht ungewöhnlich. Nichts hat auf ein Gewitter hingedeutet, auf einen Sturm oder sonstige Naturmächte, die in unserer Region regelmäßig zu Stromausfällen führen.

Der gute alte Transistorradio – Foto: Gabriela Bergmeier Lopes

Auch hier im Wald ziehen sich die Kabel unter dem Dach der Baumkronen von Strommast zu Strommast. Bei starkem Wind oder Sturzregen, neigen sich Zweige Richtung Kabel, stürzen auch mal Bäume direkt darauf. Manchmal ist es auch nur ein einfaches Palmblatt, das die Stromzufuhr zusammenbrechen lässt.

Unser Wald, das ist der Atlantische Regenwald. Er ist unter anderem geprägt von seinem Reichtum an Aufsitzerpflanzen. Auch die bringen manchmal so viel Gewicht auf die Waage, dass die Zweige, auf denen sie sitzen, einfach abbrechen und der Schwerkraft nach unten folgen. Manchmal sorgt die Ansammlung von Farnen, Bromelien, Phylodendren auch für eine neue Welt. Wachsen sie nah genug aneinander, können sich zwischen ihnen Blätter anhäufen, die über die Zeit hinweg wiederum eine Humusschicht bilden und damit auch die Grundlage für Sämlinge anderer Bäume.

Von Sturm und Gewitter, und damit möglichen Stromausfallquellen, war am Montagmorgen (24. November) weit und breit nichts in Sicht. Es hätte ein ganz normaler Tag werden können, mit einem gemütlichen Fußballnachmittag. Hätte. Das ändert sich gegen 13 Uhr.

Aus den Wolken, die immer noch den grünen Wald mit einem grauen Dach versehen, schüttet es plötzlich. Und zack geht das Licht aus, ist der Strom weg. Bis Spielanfang fehlen noch drei Stunden. Zeit genug für eine Reparatur. Das werden die schon hinbekommen. Die Reparaturtrupps sind eigentlich ganz patent, arbeiten zu jeder Uhrzeit, bei jedem Wetter und kennen unsere Region. Noch ist alles im grünen Bereich.

Um 15:45 fehlt vom Strom aber immer noch jegliche Spur. Ich beginne langsam Rot zu sehen. Irgendwo krächzt einer der grünschnabeligen Tukane, die besonders gern die jetzt im Frühjahr reifen Früchte der Palmen verpeisen. Ihm ist es völlig egal, dass im weit entfernten Qatar in ein paar Minuten das WM-Spiel Brasilien gegen Serbien angepfiffen wird.

Langsam werde ich nervös. Vorsichtshalber suche ich Batterien und das von meinem Vater geerbte Transistorradio. Schon rauscht es aus dem kleinen Radio, das uns während der stromlosen Zeit mit Nachrichten und Musik versorgt. Die Wolken scheinen ein Störfaktor zu sein, vielleicht sind auch irgendwelche magnetische Felder aktiv. Es findet sich einfach kein Sender, der klar zu verstehen wäre.

Der Atlantische Regenwald hat viele Gesichter. Hier an der Küste Südbrasiliens herrscht der „Floresta ombrófila densa“ vor. Ombrófila bezeichnet das hohe Niederschlagsaufkommen, das sich beinahe regelmäßig über das ganze Jahr hinweg verteilt. Densa steht für dicht. Sträucher, Lianengewächse, Baumfarne, Kletterpflanzen und Stauden machen ihn so dicht, dass anscheinend auch Radio- und Handywellen Probleme haben, zu uns durchzudringen. Ich suche trotzdem, schlage mich durch den Wald den Hügel hinauf, halte den Radio nach links, nach rechts, über den Kopf und drehe am Senderknopf.

Zwischen dem Rauschen, das aus dem Transistorradio kommt, mache ich schließlich den Anpfiff aus und bin erleichtert, dass ich das Spiel wohl doch irgendwie werde verfolgen können. Schschsch Neymar, schschsch, Danilo. Schsch, Brasilien gibt den Rhythmus vor, schschsch. Das Rauschen macht es schwierig, das Spiel tatsächlich zu verfolgen. Nach ein paar Minuten wird dann auch noch der Ton so leise, dass es auch nicht mehr viel hilft, das Radio direkt ans Ohr zu halten. Die Batterien sind leer. Was ist dieses Spiel verhext.

Auf dem Weg, den Hügel hinunter Richtung Haus höre ich plötzlich Stimmen, klar und beinahe ohne Rauschen. Ob der Strom schon zurück ist? Aber so laut kann unser Fernseher doch gar nicht sein, dass er noch hier oben klar und deutlich zu hören ist.

Auf dem Waldweg angekommen entdecke ich die Quelle. Es ist nicht der Fernseher und nein, die Stimmen kommen nicht aus meinem Erbstück. Ein Nachbar hat sein Radio herausgezogen und vor der Haustür auf die Bank gestellt. Ich kann mein Glück kaum glauben und laufe zu ihm hinüber. Sein Radio ist wohl neuer oder hat einen besseren Verstärker als meins.

Noch von Weitem mache ich das Ok-Zeichen, eine Faust mit dem in die Höhe gestreckten Daumen. Der Nachbar lächelt nur und dreht den Sound lauter, damit ich ihn auch von unserer Gartentreppe aus hören kann. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich mich so über ein laut aufgedrehtes Radio in der Nachbarschaft freuen könnte.

Kurz später stehe ich zum Schutz vor dem wieder leichter gewordenen Regen unter den Blättern der Fächerpalme neben unserer Gartentreppe und lausche den Kommentatoren. Die sorgen für ein einzigartiges Erlebnis. Sie sprechen ihre Wörter nicht einzeln hintereinander aus. Ohne Punkt und Komma wird ein Wort nach dem anderen herauskatapultiert, als gelte es, sie im Rasetempo in ein Rennen zu schicken. Es ist unglaublich, wie schnell brasilianische Sportreporter reden können, ohne sich zu verhaspeln.

Aber es gibt auch Pausen. Als Alex Sandro den Ball an den Pfosten schießt, tönt es langgezogen aus dem Radio „na traaaaaaaveee“ (trave = Pfosten). Kurz später gibt es „pra foraaaaaaaaa“ (pra fora = ins Aus).

Fanfest in Rio – Foto: Fernando Frazão/AgênciaBrasil

Dann ist es aber nach etlichen fehlgeschlagenen Versuchen doch noch zu hören, das lang ersehnte Wort: „gol“ (Tor), oder besser gesagt „gooooooool“. Unwillkürlich kommt aus meinem Mund das Echo, „gol“. Vom Nachbar herüber gibt es ebenso den Golruf. Auch von der anderen Nachbarin noch ein Stück weiter weg schallt es durch Wald hindurch „gol“. Auch sie hört wohl das Radio auf der Bank des Nachbarn. Ein Tor von Richarlison. Da ist die Hälfte der zweiten Halbzeit schon herum.

Richarlison, mit dem vom Kommentator dreimal gerollten R am Anfang seines Namens, legt wenig später noch einmal nach. Dieses Mal freut sich der Kommentator über ein „golasso“, ein Spitzentor. „Olha o gol, que gol, um golasso“, ruft er (Schau das Tor, was für ein Tor, ein Spitzentor).

Während er noch „um golasso, um golasso, um golasso“ unzählige Male wiederholt, tönt bei uns wieder das „gol“ der Nachbarstimmen durch den Wald. Dieses Mal steigt auch Hund Paçoca in die Torausrufe mit ein. Feierlich lässt er sein Wolfsgeheul hören und will gar nicht mehr aufhören, ganz so wie der Kommentator, der immer noch vom golasso von Richarlison redet, einem „wahren Kunstwerk“, wie er sagt.

Die letzten Minuten verlaufen schnell. Es kommt der Abpfiff. „Acabou. Brasil ganhou“ (Aus. Brasilien hat gewonnen). Die Kommentatoren feiern das Zwei zu Null gegen Serbien und im Wald wird es wieder still. Die Grillen zirpen vor sich hin, Hummeln brummeln und der Sabiá hat schon mit seinem Gezwitscher zum Abendkonzert angesetzt.

Irgendwo in der Ferne ist in der mehrere Kilometer entfernten Siedlung das Geknalle von Feuerwerkskörpern zu hören. Es wird gefeiert. Ich gehe zum immer noch stromlosen Haus zurück. Erst um 18:20 gehen die Lichter wieder an, fährt der Computer hoch, ist der Strom wieder da. Ob der Reparaturtrupp sich dieses Mal eine Auszeit genehmigt hat, um irgendwo das Spiel live zu verfolgen? Egal. Vorbei ist vorbei.

Mit Strom im Haus schauen wir uns im Internet nachträglich die Tore von Richarlison an. Das erste eher ein So-la-la-Tor, aber beim zweiten stimmen wir in den Lobesgesang des Kommentatoren mit ein, ein Spitzentor oder Traumtor, wie die deutschen Medien schreiben.

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AutorIn: Gabriela Bergmaier Lopes

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